Seit 25 Jahren verbindet Hohen Neuendorf eine verbriefte Freundschaft mit der polnischen Partnerstadt Janów Podlaski in der Wojewodschaft Lublin. Doch in letzter Zeit umkreist ein Politikum die Partnerschaft. Hintergrund ist die sogenannte „Kommunale Charta der Rechte von Familien“, die in der Wojewodschaft verabschiedet wurde. Damit gilt dort die Erklärung zu einer sogenannten „LGBT-ideologiefreien Zone“.
Also zu einem Gebiet, in dem Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle ausgeschlossen und damit ganz offen diskriminiert werden. Hohen Neuendorfs Partnerstadt selbst hat zwar keine solche Erklärung unterzeichnet, befindet sich aber eben mitten in einer Gegend, die es politisch nicht scheute, sich gegen ein queeres Leben auszusprechen und Diskriminierung zu dulden. Was das genau bedeutet und welche Auswirkungen es auf die Partnerschaft haben könnte, darüber wollen die bündnisgrünen Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung Hohen Neuendorf und des Kreistags am 8. Oktober informieren und diskutieren.

„Die schlimmste Zeit für LGBTQ in Polen seit 1989“

Mit dabei ist der polnische Aktivist Kacper Kubiak von der Organisation „Instytut Rownosci“ („Gleichstellungsinstitut“). Er begleitete den bündnisgrünen Landtags- und Kreistagsabgeordneten Heiner Klemp im Sommer, als dieser mit der queeren Community in Polen ins Gespräch kam und an einem kleinen Regenbogenmarsch durch Slubice nach Frankfurt teilnahm.
„Es ist die schlimmste Zeit für LGBTQ in Polen seit 1989. Wir werden bedroht, beschimpft, geschlagen, am helllichten Tag, auf offener Straße“, sagte Kubiak. Die nationalkonservative, sich auf katholische Werte stützende Regierungspartei PiS mit ihrem Präsidenten Andrzej Duda ist offen homophob. Duda sagte im Wahlkampf, dass LGBT-Personen keine Menschen, sondern eine Ideologie seien. Er gewann mit seiner Anti-LGBT Rhetorik rechte Wähler für sich.

Welche Schlüsse zieht Oberhavel aus der polnischen Homophobie?

Die Informations- und Diskussionsveranstaltung der Grünen findet am Donnerstag, 8. Oktober, um 19.30 Uhr im Mehrzweckraum der Stadthalle Hohen Neuendorf statt. Aufgrund der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln gilt ein begrenzter Zugang. Eine Teilnahme ist deshalb nur nach verbindlicher Voranmeldung möglich. Diese erfolgt per Mail an nicole.florczak@gruene-ohv.de.
Es soll darum gehen, die Situation für lesbische Frauen, Schwule, Transgender und weitere queere Menschen in Polen begreiflich zu machen. „Welche Schlüsse ziehen wir als unmittelbare Nachbarn in Europa daraus?“, heißt es in der Ankündigung.

Stadt Hohen Neuendorf: „Keine pauschale Verurteilung“

Hohen Neuendorfs Stadtsprecherin Ariane Fäscher sagte vor wenigen Wochen: „Eine pauschale Verurteilung ohne vorheriges Gespräch – im Idealfall persönlich – halten wir für nicht zielführend.“ In dieser Woche ist eine Delegation aus der polnischen Partnerstadt zu Besuch in Hohen Neuendorf „Sollten wir im Gespräch mit Vertretern der Partnerstadt auf intolerante Haltungen ohne Dialogbereitschaft treffen, werden weitere Schritte unvermeidlich sein“, kündigte Fäscher an.
Dieser Meinung ist auch Heiner Klemp. Die Stilllegung einer Partnerschaft könne nur ein finaler Schritt sein. „Sinnvoller erscheint es mir, Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Organisationen vor Ort aufzunehmen, die für die Gleichberechtigung kämpfen. Davon gibt es erfreulich viele in Polen – sie zu stärken, ist unsere Aufgabe.“

Erfolgreicher Regenbogentreff in Oberhavel

In Oberhavel wird gerade ein offener Anlaufpunkt für die queere Community aufgebaut. Vergangenen Mittwoch fand der erste Regenbogentreff in Oranienburg statt. Es kamen etwa 30 Interessierte. Mitinitiator Carsten Schneider, der für die Linken in Oberkrämers Gemeindeparlament sitzt, war begeistert von der guten Resonanz und den angenehmen Gesprächen. Der Treff soll sich etablieren: Die zweite Auflage ist deshalb für kommenden Mittwoch, 7. Oktober, ab 19 Uhr im Kellerkind geplant.
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Auch in Oberhavel ist die Situation für junge queere Menschen nicht einfach. Ein junger Schwuler berichtet in diesem Text darüber, wie er durch Mobbing fast in den Suizid getrieben wurde.
Dass auch Gemeindevertreter noch nicht selbstverständlich die Regenbogenflagge als Zeichen der Unterstützung und Toleranz hissen, zeigt ein Fall aus Oberkrämer, in dem die Gemeindevertreter das Hissen der bunten Flagge ablehnten.