Rathenow im Havelland ist bundespolitisch kein Hotspot wie Potsdam, wo mit Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Bündnis’90/Die Grünen) gleich zwei Kanzlerkandidaten am 26. September 2021 das Direktmandat für den Bundestag haben wollen. Doch vor nunmehr 172 zog mit Otto von Bismarck einer aus der Region gen Berlin, um später preußischer Ministerpräsident und letztlich Reichskanzler zu werden.

Zweite Kammer: Einzug in das preußische Abgeordnetenhaus

Damit der erzkonservative und monarchistische Otto von Bismarck (1815-1898) zunächst Mitglied des preußischen Landtags werden konnte, musste er sich dafür erst zur Wahl stellen. In jener Zeit gab es noch ein indirektes System in Preußen, das an US-Präsidentschaftswahlen erinnert. Die Rathenower Wahlmänner verschafften Bismarck im Juli 1849 das angestrebte Mandat im Wahlbezirk Westhavelland, mit dem er in die Zweite Kammer des Landtags einziehen konnte.
Es handelte sich um das preußische Abgeordnetenhaus. Die erste Kammer entsprach dem Herrenhaus, in dem der Adel den Ton angab. In Großbritannien ist noch heute vom Oberhaus des Parlaments bzw. House of Lords die Rede.

Dreiklassenwahlrecht - Stimmgewicht nach Steuerleistung

Im krassen Unterschied zur Gegenwart bestand in Preußen ab 1849 ein Dreiklassenwahlrecht. Die Wähler wurden nach Höhe ihrer Steuerleistung in drei Klassen eingeteilt. Je mehr Einkommens-, Grund- und Gewerbesteuern entrichtet wurden, desto höher war das Stimmengewicht. Freilich gehörten der ersten Klasse insbesondere adlige Großgrundbesitzer an.
In der zweiten Klasse waren Bürger mit mittlerem Steueraufkommen, wie Kaufleute, eingestuft. Alle anderen Wahlberechtigten befanden sich in der dritten Klasse. Deren Wähleranteil betrug zwar rund 80 Prozent, doch hatten die Stimmen elitärer Angehöriger der ersten Klasse das etwa 17,5-fache Stimmengewicht. Wahlberechtigt waren indessen nur Männer ab 25 Jahre.

Preußischer Ministerpräsident ab 1862 - zunächst Kriege gegen Dänemark und Österreich

Zum preußischen Ministerpräsidenten wurde Bismarck im Jahr 1862 durch den König berufen. Das war jener Monarch, der nach der Reichseinigung 1871 als deutscher Kaiser Wilhelm I. in die Geschichte eingehen sollte. Bismarck hatte für seinen Landesherren zuvor einige Kriege ausgefochten, so gegen Dänemark (1864) und Österreich (1866). Wichtigstes Ziel war die Erlangung der Vormachtstellung Preußens in Mitteleuropa.

König Wilhelm I. war Oberhaupt des Norddeutschen Bundes

Ab 1867 spielte Österreich im deutschen Norden keine Rolle mehr. Unter preußischer Dominanz wurde der Norddeutsche Bund gebildet, der bis etwa zum Main reichte und dessen Oberhaupt König Wilhelm I. war. Südlich der Main-Linie befanden sich die zunächst noch oppositionellen Lager. Der Krieg gegen Frankreich (1870/71) entfesselte gesamtdeutsche Ambitionen. Im neuen Kaiserreich wurde Bismarck sogleich zum Reichskanzler erhoben. 1875 ernannte ihn Rathenow zum Ehrenbürger. Seine Karriere endete bei Entlassung durch Kaiser Wilhelm II. Das war 1890.

Bismarckturm in Rathenow 1914 eingeweiht

Der 1898 gestorbene Bismarck hatte keinen Einfluss auf die Entwicklungen bis 1914, als der Erste Weltkrieg begann und wenige Wochen zuvor in Rathenow der noch heute bestehende Bismarckturm auf dem Weinberg eingeweiht wurde. Fünf adlige Nachfolger gab es im Amt des Reichskanzlers, bis bei Kriegsende im November 1918 mit Friedrich Ebert (SPD) erstmals ein Bürgerlicher der Regierungschef wurde.

Direktwahl des Reichspräsidenten ab 1919

Der Kaiser war zur Abdankung genötigt worden, Deutschland war nun eine Republik. Ein neues Wahlrecht wurde eingeführt. Fortan durften auch Frauen wählen. Das Wahlalter wurde auf 20 Jahre gesenkt. Die Bürger konnten nicht nur die Mitglieder des Reichstags wählen, sondern auch den Reichspräsidenten, der wiederum für Ernennung und Entlassung des Reichskanzlers zuständig war.

Wahlalter bei Bundestagswahlen liegt bei mindestens 18 Jahren

Wer am 26. September 2021 zwei Stimmen bei der Bundestagswahl abgeben will, muss dafür mindestens 18 Jahre alt sein. Direkten Einfluss darauf, wer die nächste Kanzlerschaft antreten kann, haben die Wähler weiter nicht. Die K-Frage beantworten die neu gewählten Mitglieder des Bundestags. Indessen resultieren die Fraktionsstärken aus den abgegebenen Zweitstimmen der wahlberechtigten Bürger.

Frank-Walter Steinmeier siegte im Wahlkreis 60 zwei Mal bei den Erststimmen

Bei der Bundestagswahl 2017 holte die CDU im Wahlkreis 60, zu dem Rathenow gehört, mit 28,2 Prozent die meisten Zweitstimmen. Vier Jahre zuvor wurde die Partei mit 34,0 Prozent die stärkste Kraft. In dem Jahr wollte SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier das zweite Mal aus dem Wahlkreis heraus Bundeskanzler werden. Wie 2009 holte er durch die meisten Erststimmen das Direktmandat für den Bundestag, in der Folge wurde er Bundesaußenminister in der schwarz-roten Koalition. Zuvor war er vier Jahre lang Oppositionsführer im Bundestag gewesen.

Bundesversammlung im Februar 2022 - nächste Wahl des Bundespräsidenten

Seit März 2017 ist Frank-Walter Steinmeier der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Gewählt wurde er durch die Bundesversammlung. Dieser gehören zur einen Hälfte die Bundestagsmitglieder an und zur anderen jene Volksvertreter, die von den Parlamenten der Bundesländer gewählt werden. Einzige Aufgabe ist die Wahl des Staatsoberhaupts - das nächste Mal am 13. Februar 2022.
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