Wenn jemand wie ein hoher Geistlicher gekleidet und mit Hirtenstab in Rathenow zu sehen ist, steckt Heinz-Walter Knackmuß im Kostüm. Den evangelischen Christen stört es dabei nicht, dass er einen katholischen Oberhirten verkörpert. Ganz im Gegenteil: Knackmuß nutzt jede Gelegenheit, um an Stephan Bodecker zu erinnern. Zuletzt agierte er als Blickfänger für Sebastian Lodwig, Bürgermeisterbewerber der SPD in Rathenow. Da der Bischof-Mime ein Stadtverordneter mit SPD-Parteibuch ist, bestehen hier überhaupt keine Berührungsängste.

Vor 600 Jahren vom Papst zum Bischof geweiht

Was die geistliche Bilderbuchkarriere des 1384 geborenen Bodecker betrifft, ist 2022 ein Jubiläumsjahr. Denn 600 Jahre zuvor war der gebürtige Rathenower durch Papst Martin V. zum Bischof von Brandenburg geweiht worden. Ganz im Gegensatz zu den allermeisten anderen Oberhirten, war Bodecker als Sohn eines Böttchers ein bürgerlicher Mann Gottes - ohne Adelstitel und Land. Etwa Otto I. von Rohr war seinerzeit der Bischof von Havelberg und Günther II. von Schwarzenburg der Erzbischof von Magdeburg.

Zunächst Domprobst, dann Bischof

Bodecker hatte in Erfurt, Prag und Leipzig studiert. 1419 wurde er Brandenburger Dompropst. Ehe er zu Christi  Himmelfahrt 1422 zum Bischof geweiht wurde, war er 1421 vom Domkapitel zum Bischof gewählt worden.  Wie Heinz-Walter Knackmuß in einer Biografie auf www.rathenow-kirchen.de berichtet, umfasste das Bistum Brandenburg damals 18 Propsteien: Berlin, Spandau, Strausberg, Bernau, Angermünde, Templin, Zehdenick, Nauen, Rathenow, Friedland, Leitzkau, Zerbst, Wittenberg, Jüterbog, Treuenbrietzen, Belzig, Ziesar und natürlich Brandenburg. Die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse seien schwierig gewesen. Es hätte die Hussitenkriege gegeben. Landfriedensbruch und Wegelagerei wären an der Tagesordnung gewesen, so Knackmuß weiter: „Dass Bischof Bodecker trotz dieser Belastungen sein Amt ausgezeichnet versah, spricht für eine außergewöhnlich starke Persönlichkeit. Er verlangte schon damals, dass die Priester die Volkssprache im Gottesdienst verwenden sollen. Er wollte damit erreichen, dass die Priester sehr eng mit dem Volk verbunden waren. Ihm gebührt damit das Verdienst, die Beichte, das Vaterunser und die Predigt schon 100 Jahre vor Luther in deutscher Sprache eingeführt zu haben und damit dem Volk auch den Gottesdienst verständlich gemacht zu haben.“

Epitaph im Dom zu Brandenburg

Stephan Bodecker war der 36. Bischof von Brandenburg. Er starb 1459. Im Dom zu Brandenburg befindet sich ein Epitaph, das diesen Mann Gottes zeigt, den Heinz-Walter Knackmuß für den bedeutendsten Bischof des einstigen Bistums Brandenburg hält. In seiner Geburtsstadt erinnert praktisch nichts an Bodecker, bis auf die Momente, in denen Knackmuß ins Bischofskostüm schlüpft.