Wird sie Ehrenbürgerin der Stadt Rathenow? Rosemarie Köhn, geboren 1939 und getauft in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, wurde durch die SPD-Fraktion der Stadtverordneten dafür vorgeschlagen. In der letzten Sitzung des Hauptausschusses wurde über die Ehrenbürgerschaft diskutiert.  Sechs der neun Stadtverordneten stimmten mit Ja, drei dagegen.

Erst eine Frau mit Ehrenbürgerschaft

Rosemarie Köhn wäre erst die zweite Frau nach Erika Guthjahr (1916-2005), der die Ehre zuteil werden würde, und die erste Geistliche. Köhn war von 1993 bis 2006 Bischöfin in Norwegen. Mit Rathenow fühlte sie sich stets verbunden und machte die Stadt durch ihre auf Norwegisch erschienene Biografie „Rose“ im Königreich bekannt.

Generalfeldmarschall zur Premiere

Die letzten Ehrenbürgerschaften in Rathenow wurden 2009 verliehen. Der stadtbekannte Günter Thonke und der weniger bekannte Klaus Eichler befinden sich seither mit auf der Liste der Ehrenbürger, an deren Anfang Friedrich Heinrich Ernst Graf von Wrangel (1784-1877) steht. Als Generalfeldmarschall war er ranghöchster Offizier in der preußischen Armee.

Monarchist und Antidemokrat

Als von Wrangel 1856 sein 60-jähriges Dienstjubiläum beging, machte ihn Rathenow zum Ehrenbürger. Sein einziges Verdienst für die Stadt bestand darin, dass dieser glühende Monarchist und Antidemokrat das Militär wieder in der Stadt angesiedelt hatte, das einst ein wichtiger Wirtschaftsfaktor war.

Keine Chance für Demokraten

Dass ein früher Demokrat wie Johann Heinrich Gustav Fischer, der von 1844 bis 1849 Bürgermeister Rathenows war, nie als Ehrenbürger in Frage kam, liegt insbesondere an der Niederschlagung der bürgerlichen Revolution (1848/1949). Einer der bedeutendsten Konterrevolutionäre in Preußen war eben jener von Wrangel, damals noch im Rang eines Generals.

Militär für die Stadt

Das Militär in Rathenow erlebte seine dunkelste Stunde, als es daran gehindert werden sollte, an der Niederschlagung der Revolution teilzunehmen. Zur Strafe wurde die wirtschaftsfördernde Kürassier-Garnison 1850 nach Brandenburg/Havel umgesiedelt.  Konservative und antidemokratisch gesinnte Rathenower, wie allen voran Johann Friedrich Meuß (1813-1878), konnten von Wrangel dazu bewegen, wieder  Militär in die Stadt zu bringen. Ab 1851 ritten Zieten-Husaren durch Rathenow.

Bismarcks Stern ging in Rathenow auf

Bürgermeister Fischer war bereits am 1. März 1849 seines Amtes enthoben worden. Was aus ihm in der Folge wurde, ist unklar. Indessen offenbarte sich im Sommer des Jahres der erzkonservative Geist von Meuß & Co. Er und 21 weitere Wahlmänner in Rathenow gaben ihre Stimme Otto von Bismarck (1815-1898), der dadurch in die zweite Kammer des Preußischen Landtags einziehen konnte. Der politische Stern des späteren Reichskanzlers ging auf. 1875 wurde Bismarck zum Ehrenbürger Rathenows ernannt. Zwei Jahre später wurde diese Ehre auch Johann Friedrich Meuß zuteil.

Weitere Leute, die Ehrenbürgerschaft verdient hätten

2021 gebe es neben Rosemarie Köhn  weitere Leute, die eine Rathenower Ehrenbürgerschaft durchaus verdient hätten. Etwa Heinz-Walter Knackmuß, seit Gründung vor 25 Jahren Vorsitzender des Förderkreises zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche, hat viel bewegt. Mit seinen Mitstreitern hat er Millionen für das andauernde Wiederaufbau-Projekt eingeworben. Die Kirche ist längst nicht mehr Ruine, sondern Touristenmagnet.

Stadtverordnete entscheiden am 28. April

Sich selbst als Ehrenbürger vorzuschlagen, liegt Knackmuß freilich fern. Stattdessen geht die Initiative zur Ernennung von Rosemarie Köhn auf ihn zurück. Seit 2019 gehört er der SPD-Stadtverordnetenfraktion an. Die Entscheidung darüber, ob die frühere Bischöfin Ehrenbürgerin wird oder nicht, fällt die Stadtverordnetenversammlung am 28. April.