BVG-Streik in Berlin
: Busfahrer berichtet, was er im Job ertragen muss

Keine Pinkelpause, unaufholbare Verspätungen und Gewalt: Busfahrer Ekkehard Spiegel aus Berlin berichtet von seinem Arbeitsalltag und warum der BVG-Streik für ihn so wichtig ist.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Ekkehard Spiegel ist Busfahrer bei der BVG in Berlin. Er erzählt, was ihm auf seinen Touren widerfährt und warum er streikt.

Ekkehard Spiegel ist Busfahrer bei der BVG in Berlin. Er erzählt, was ihm auf seinen Touren widerfährt und warum er streikt.

Maria Neuendorff
  • Berlin: 48-stündiger ÖPNV-Streik bei BVG am Freitag/Sonnabend (27./28.2.)
  • Thema sind Arbeitsbedingungen: mehr Wendezeit, Gesundheitsschutz, Schichten
  • Busfahrer Spiegel: keine Pinkelpause, ständige Verspätungen, Gewalt-Erfahrung
  • Ver.di-Umfrage: 4.927 Teilnahmen, 4.064 für Streiks; BVG warnt vor Kosten
  • Infos: S-/Regionalbahn fahren; diese Buslinien/Nachtbusse bleiben in Betrieb

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Am Freitag und Sonnabend (27. und 28. Februar 2026) wird auch in Berlin bei Bus, U-Bahn und Tram wieder gestreikt. Diesmal geht es nicht um Löhne, sondern um die Arbeitsbedingungen. „Wenn ich an einer Endhaltestelle vier Minuten Wendezeit habe und das Klo drei Minuten Fußweg entfernt ist, dann habe ich keine Pinkelpause“, sagt Busfahrer Ekkehard Spiegel.

Er fährt für die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und steuert vom Betriebshof Lichtenberg aus 14 Linien quer durch die Stadt. Sein Lieblingsbus sei immer der 165er gewesen, erzählt er.

Doch seitdem die Verlängerung der A100 eröffnet wurde, steht Spiegel mit seinem gelben Gefährt zwischen Treptow und Neukölln genauso wie die Autofahrer täglich im Stauchaos. „Wenn ich dann an der Endhaltestelle am Märkischen Museum in Mitte ankomme, müsste ich eigentlich schon wieder seit zwei Minuten auf der Strecke sein“, berichtet der 55-Jährige.

Busverkehr in Berlin: Vier Minuten Pause für Fahrer

Um die Fahrgäste nicht weiter warten zu lassen, verkneift er sich dann häufig den Toilettengang. Die Gewerkschaft Ver.di fordert derzeit, dass auf jeder Strecke eine Wendezeit von mindestens sechs Minuten eingehalten werden soll. Momentan sind es Pausen von vier Minuten. „Zwei Minuten mehr zu fordern, erscheint mir nicht gerade exorbitant“, findet Spiegel.

Vor allem, wenn sein Bus dann am Nachmittag, wenn auch die Schüler Schluss haben, so voll wird, dass sich das Ein- und Aussteigen verzögert. „Dann summiert sich die Verspätung immer weiter von fünf auf zehn, manchmal sogar zwanzig Minuten, und an der Haltestelle stehen noch zusätzlich die Fahrgäste, die eigentlich auf den Folge-Bus warten“, berichtet der Berliner.

Er selbst ist auch in der Gewerkschaft. Für Ver.di hat Spiegel in den vergangenen Tagen unter den Kollegen an den Berliner Betriebshöfen herumgefragt, was ihre größten Probleme sind und ob gestreikt werden soll. 4927 Kolleginnen und Kollegen hätten sich laut Verdi an der Umfrage beteiligt. 4064 sprachen sich dafür aus, durch Streiks den Druck zu erhöhen.

Spiegel persönlich ärgert es besonders, dass in der diesjährigen Tarifrunde schon drei Termine stattgefunden hätten, aber es keine wirklichen Verhandlungen zu den konkreten Punkten gegeben habe.

Bus in Berlin: Hohe Fluktuation bei der BVG

Die BVG wiederum spricht von „nicht finanzierbaren Maximalforderungen“. Das derzeitige Forderungspaket summiere sich auf über 150 Millionen Euro jährlich – plus einem Investitionsbedarf von 200 bis 300 Millionen Euro für notwendige neue Fahrzeuge.

„Das sprengt, wie mehrfach dargelegt, deutlich jeglichen wirtschaftlichen Rahmen und die Möglichkeiten des Landesunternehmens“, heißt es von Deutschlands größtem Verkehrsunternehmen. Zumal bereits im vergangenen Jahr bis zu 20 Prozent mehr Gehalt für Mitarbeitende beschlossen wurden.

„Davor waren wir die am schlechtesten bezahlten Busfahrer in Deutschland. Das hat sich zum Glück geändert“, sagt BVG-Mitarbeiter Spiegel. Trotzdem führe der ganze Stress, der dem Fahrpersonal durch die zunehmende Arbeitsbelastung gemacht werde, weiterhin zu einer starken Fluktuation unter den Kollegen.

Ekkehard Spiegel selbst ist Quereinsteiger. 30 Jahre war er als Gärtner für Zierpflanzen und Gemüseanbau tätig. Als Busfahrer für den öffentlichen Nahverkehr in der Weltmetropole zu fahren, empfindet der umweltbewusste Mann aus Berlin-Friedrichshain als ökologisch sinnvoll.

An der Bushaltestelle niedergeschlagen

Er will gerne etwas für das Klima und für die Menschen in seiner Heimatstadt tun. „Das ist durchaus ein erfüllender Beruf, bei dem man abends zwar oft sehr müde, aber auch zufrieden in den Spiegel schauen kann“, betont der BVGler. „Ohne uns würde Berlin nicht funktionieren. Das wissen wir.“

Doch als Busfahrer bekäme man es auch hautnah zu spüren, wenn in der Stadt Gelder gekürzt werden. Das fange schon bei der Obdachlosen- und Drogenhilfe an, sagt Spiegel. „Wir fahren ja täglich die Brennpunkte an.“

„Dazu versuchen Arbeitgeber und Politik, sich auf unserem Rücken aus der Krise zu sparen. Und wir bekommen die Frustration und Gewalt ab, die das dann auch bei den Fahrgästen auslöst“, beschreibt er seine Erfahrungen.

Die schlimmste Situation erlebte Spiegel vor ein paar Wochen am U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz in Kaulsdorf. Er habe an der Haltestelle gestanden und auf die Übernahme eines Busses gewartet, als völlig unvermittelt drei Männer mit Hooligan-artigem Aussehen losbrüllten, ihn zu Boden stießen und auf ihn eintraten.

Zeugen aus dem nahen Imbiss riefen Polizei und Krankenwagen. Die Täter konnten fliehen, und der Busfahrer verbrachte die Nacht im Unfallkrankenhaus. „Ich hatte zum Glück nur Prellungen, aber ich brauchte schon ein paar Tage, um mich davon zu erholen.“

Schlafstörungen durch BVG-Schichtsystem

Er selbst saß schnell wieder hinter dem Steuer. Doch die derzeitige Gegenforderung der BVG, den Krankengeldzuschuss bei längeren Ausfällen zu kürzen, findet der Busfahrer bedenklich.

„Schließlich ist bekannt, dass Berufskraftfahrer, zu denen auch wir Busfahrer gehören, unter anderem überproportional an Gelenk- und Rückenkrankheiten leiden“, betont Spiegel. Auch das ungesunde Dreischichtsystem führte nicht selten zu Schlafstörungen.

„Dass wir im Jahr 2026 ernsthaft darüber verhandeln müssen, dass nur zwölf Stunden zwischen Anfang und Ende einer Schicht liegen dürfen und Beschäftigte vor der nächsten Schicht elf Stunden durchatmen können, ist schon skurril“, findet auch Ver.di-Verhandlungsführer Serat Canyurt. „Auch bei den Wendezeiten geht es nicht nur um Würde, sondern auch um Gesundheitsschutz.“

Die BVG hält dagegen, dass das nur einige Punkte von insgesamt 17 Forderungen seien. Verdi verlange unter anderem drei Tage mehr Urlaub, eine Verdopplung des Urlaubsgeldes sowie eine Senkung der Arbeitszeit von 37,5 auf 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich. Das alles wäre nicht finanzierbar, heißt es von der BVG. Die nächste Verhandlungsrunde ist für den 4. und 5. März 2026 vereinbart.

Weitere Streiks bei Bus und Bahn möglich

Die Fronten seien so verhärtet wie noch nie, sagt Busfahrer Spiegel. So könnte es auch nach dem 48-stündigen Streik am Freitag und Sonnabend zu Arbeitsniederlegungen kommen. „Wir streiken, weil wir ein Leben neben dem Dienstplan wollen“, sagt Spiegel. „Ein Wochenende mit meiner Frau habe ich vielleicht einmal im Monat. Wie soll unter solchen Bedingungen Familienleben funktionieren?“

Seine Kinder sind schon aus dem Haus. Er macht den Job von Herzen. Auch wenn er immer wieder das Gefühl habe, dass die Berliner Verkehrspolitik derzeit dem öffentlichen Nahverkehr mehr schadet als hilft. Die Themen reichten von der A100-Verlängerung ins Wohngebiet bis zu fehlenden Ampelvorzugsschaltungen für Busse, erklärt Spiegel.

Auch dafür, dass immer mehr Busspuren und Haltestellen zugeparkt seien, müsse die Stadt langfristig eine Lösung finden. „Der Lieferverkehr nimmt weiter zu, das sind inzwischen lauter kleine Supermärkte, die da durch die Stadt fahren, die müssen ja irgendwo halten.“

Wenn er nicht gerade streikt, wird Ekkehard Spiegel trotzdem weiter Busse durch den Großstadtmoloch navigieren. Er freut sich immer, wenn ihm trotz allem Stress und Ärger ein Fahrgast ein Lächeln schenkt, das ihm dafür danke sagt.

Infos für Fahrgäste in Berlin

Verdi ruft in fast allen Bundesländern zum Streik auf. In Berlin beginnt er mit der Frühschicht am Freitag (27. Februar 2026) und endet Sonntagfrüh (1. März 2026) um 3 Uhr. Der S-Bahn- und Regionalverkehr ist nicht betroffen. Dazu bleiben in Berlin noch einige Bus-Linien in Betrieb, die von externen Unternehmen bedient werden.

Das sind folgende: 106, 114, 118, 124, 133, 175, 184, 204, 234, 275, 316, 318, 326, 161 und 363 sowie die Nachtbusse: N12, N23, N35, N39, N53, N61, N69, N84, N91, N95 und N97. Alle Infos unter www.bvg.de

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