Arbeiten auf dem Weihnachtsmarkt
: Was eine Schaustellerfamilie über ihren Heiligabend verrät

Familie Nitzsche aus Berlin ist seit über hundert Jahren im Schausteller-Gewerbe. Wenn andere Weihnachten feiern, geht bei ihnen die Arbeit erst los. Betrübt sind sie deswegen nicht.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Helmut Nitzsche mit seiner jüngsten Tochter Antonia in ihrem Süßwaren-Stand auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in Berlin. Die anderen Familienmitglieder haben woanders zu tun.

Maria Neuendorff
  • Familie Nitzsche aus Berlin arbeitet seit über 100 Jahren als Schausteller – auch an Weihnachten.
  • Auf zwei Berliner Weihnachtsmärkten betreiben sie Stände, Karussells und Glühweinhütten.
  • Die Arbeitstage der Familie sind lang; Heiligabend wird meist mit Kaffee und Erholung beendet.
  • Weihnachten feiern sie im Januar nach, die Freude der Besucher ist für sie das größte Geschenk.
  • Tradition und Leidenschaft prägen die Familie, die ihr Handwerk von Generation zu Generation weitergibt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn Familien sich in Berlin um den geschmückten Tannenbaum versammeln und ihre Angehörigen an den Weihnachtsfeiertagen zum Gans-Essen laden, wird Familie Nitzsche arbeiten. Die Schausteller-Familie betreibt seit fünf Generationen Buden und Fahrgeschäfte in Berlin. Auch im Dezember sind die Familienmitglieder über zwei Weihnachtsmärkte verteilt.

Selbst die Festtage verbringen Vater, Mutter, zwei Töchter sowie die zwei Schwiegersöhne größtenteils auf der Arbeit und bescheren dabei nicht sich, aber anderen ein schönes Fest.

„Um 8 Uhr wird noch gemeinsam gefrühstückt, dann ist jeder bis spätabends auf seinem Posten“, berichtet Vater Helmut Nitzsche.

Während er Besucher der „Lichtenberger Winterzeit“ an der Landsberger Allee in sein Spiegellabyrinth lädt oder Glühwein am Breitscheidplatz verkauft, betreibt seine Tochter Viktoria (30) auf dem Lichtenberger Weihnachtsrummel eine Ballwerf-Bude oder sitzt selbst an der Kasse ihres Kinderkarussells.

Die jüngere Tochter Antonia (25) verkauft dagegen auf dem Breitscheidplatz in der City-West gebrannte Mandeln und überzieht Früchte mit Schokoladensoße, und das ebenfalls sieben Tage die Woche. „Als Selbstständige macht man eigentlich nie frei“, sagt die junge Frau in der rotweiß karierten Schürze, während sie Mandeln in einen Kupferkessel mit flüssigem Zucker schaufelt.

Ein Handwerk, das genauso wie das Früchte-Kandieren gelernt sein will und durchaus auch Geschicklichkeit erfordert. „Wir legen Wert darauf, dass die Zuckerschicht nicht zu dick wird, aber dazu braucht man Timing“, erklärt Antonia Nitzsche.

Die ältere Tochter Viktoria Nitsche betreibt auf dem Weihnachtsmarkt an der Landsberger Allee unter anderem ein Kinderkarussel.

Viktoria Nitsche betreibt auf dem Weihnachtsmarkt an der Landsberger Allee in Berlin-Lichtenberg unter anderem ein Kinderkarussell.

Viktoria Nitsche

Gelernt hat sie das natürlich von ihrem Vater, der gerade zweihundert Meter weiter in einer der zwei Glühweinhütten beschäftigt ist, die die Familie ebenfalls noch auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche betreibt.

Den Eierpunsch nach Geheimrezept schenken zwar seine Angestellten aus, doch Helmut Nitzsche ist trotzdem von morgens bis abends auf Achse. Sein Arbeitstag beginnt um 9 Uhr mit der Kontrolle und Reinigung des Spiegellabyrinths. „Die Leute drücken sich ja an den Scheiben die Nase platt und wischen mit den Händen drüber, da muss jeden Tag ordentlich geputzt und desinfiziert werden.“

Doch auch an den Ständen und Fahrgeschäften der Töchter muss immer mal wieder was gereinigt, geölt, repariert und besorgt werden. Mal klemmt ein Hebel eines Karussell-Flugzeuges, mal gehen die Gewinn-Preise zur Neige oder der Winzer konnte plötzlich den Glühwein nicht liefern. Dann fährt Vater Helmut eben selbst zum Getränkehandel.

Wirklich aus der Ruhe bringen kann ihn dabei nichts. Schließlich blickt seine Familie inzwischen auf über 100 Jahre Schausteller-Geschichte zurück. Nitzsche zeigt Fotos seines Urgroßvaters, der mit Sohnemann schon 1923 eine Schießbude betrieb. „Dann hatten sie eine Schaubude mit dem Namen ,Schrecken des Mississippi‘, in der ein Krokodil, ein Schimpanse und Schlangen zu sehen waren“, erzählt der 58-Jährige.

Auf dem Rummel aufgewachsen

Im Nachkriegs-Berlin betrieben die Nitzsches auch Buden und Fahrgeschäfte auf dem Oktoberfest im Zoo. Für 25 Pfennige oder eine Ost-Mark Eintritt konnten dort vor dem Mauerbau Menschen aus West und Ost bis fünf Uhr morgens feiern. Zu den Attraktionen gehörten ein Steilwandkarussell sowie ein „Nürburg-Ring für Kinder“. „Ein Großteil der Eintrittsgelder floss in den Wiederaufbau des kriegszerstörten Zoos“, erzählt Nitzsche

Sein Großvater hieß schon Helmut, genauso wie sein Vater. Auch das hat bei den Nitzsches inzwischen Tradition, den männlichen Nachwuchs immer gleich zu nennen. Erst vor wenigen Monaten wurde Enkel Helmut geboren, den alle „Helmi“ nennen.

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Familie Nitzsche betrieb 1925 diese Schaubude mit exotischen Tieren auf einem Rummel in Berlin.

Helmut Nitzsche

Helmut Nitzsche, der 3., wuchs in den 1970er-Jahren auf den Rummelplätzen und Weihnachtsmärkten in West-Berlin auf. Natürlich verliebte er sich in Christiane, die ebenfalls einer Schausteller-Familie entstammt. Und so wuchsen auch die beiden gemeinsamen Töchter Viktoria und Antonia zum Teil im Wohnwagen auf dem Zentralen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm auf.

„Wir haben dann aber dafür gesorgt, dass die Kinder in Charlottenburg auf das Evangelische Gymnasium gehen können und dort eine feste Basis haben“, erzählt das Familien-Oberhaupt. Beide Töchter machten Abitur, halfen aber schon im Alter von 16 Jahren auf den Weihnachtsmärkten mit. „Das erste, was ich mit elf lerne wollte, war, wie man Zuckerwatte macht“, berichtet Antonia.

Nun experimentiert sie gerne mit Mandeln. Unter den zehn Geschmackssorten, die sie an ihrem mit Lebkuchen-Herzen geschmückten Stand anbietet, gehören unter anderem Spekulatius und Yogurette. Auch für die Berlinerin ist der Schausteller-Beruf inzwischen zur Berufung geworden. „Man macht das mit Herz und Leidenschaft“, sagt die junge Frau.

Einen Zwang, in die Fußstapfen der Eltern zu treten, habe es dabei nie gegeben. Antonia studierte nach dem Abi erst einmal Betriebswirtschaftslehre. Doch dann bekam sie die Chance, von einem alten befreundeten Schausteller, der in Rente ging, die Pferdederby-Spielbude zu übernehmen. Dabei bugsieren Besucher Bälle in Löcher. Wer besonders gut trifft, dessen hölzernes Pferd galoppiert als erstes durch das Ziel und gewinnt einen Preis.

Heiligabend zu müde um zu feiern

Antonia zog mit dem Pferderennbahn-Kugelspiel über Rummelplätze in ganz Deutschland. Irgendwann begegnete sie Philip, Geisterbahn-Betreiber aus Thüringen. Auf dem jährlichen Schausteller-Delegiertentag trafen sie sich beide wieder. „Da sind wir uns sind dann näher gekommen.“

Die stressige Weihnachtszeit ist für das junge Paar, das sonst eine Fernbeziehung führt, nun sogar ein großes Geschenk. Weil Philip mit seiner Geisterbahn einen Platz auf dem Spandauer Weihnachtsmarkt ergattert hat, können sich beide nun wenigstens nach Feierabend sehen. „Weil auch er das familienunfreundliche Schausteller-Leben führt, hat er dafür auch eher Verständnis als jemand aus anderen Branchen“, sagt Antonia.

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Die Nitzsche-Töchter (Antonia, l.) und Viktoria (r.) haben mit Philip und Aaron wieder zwei Männer aus dem Schausteller-Gewerbe gewählt.

Helmut Nitzsche

Beide wollen im kommenden Frühjahr heiraten. Trauen soll sie Martin Germer, ehemaliger Pfarrer der Berliner Gedächtniskirche und immer noch Seelsorger speziell für die Schausteller vom Breitscheidplatz. Auch ihre Schwester Viktoria ist mit einem Schausteller liiert.

Heiligabend ist für die Nitzsches eher zum kurzen Verschnaufen da. „Wenn die Märkte um 14 Uhr schließen, dauert es mit dem Aufräumen mindestens bis 16 Uhr, bis jeder zu Hause ist“, berichtet Helmut Nitzsche. „Dann trinken wir höchstens Kaffee, essen ein Stück Kuchen und legen uns nur noch auf die Couch, weil jedem schon vor Erschöpfung die Augen klimpern.“

Leuchtende Kinderaugen auf dem Weihnachtsmarkt

Am 1. Weihnachtsfeiertag geht der Rummel von vorne los. „Wir feiern als Familie im Januar nach, wenn etwas Ruhe eingekehrt ist und man auch mal anstoßen kann“, sagt Helmut Nitzsche.

Er findet das überhaupt nicht schlimm. „Als Schausteller erfreut man sich daran, anderen eine Freude zu machen“, sagt der Berliner. „Wenn man eine Zuckerwatte vor einem kleinen Mädchen dreht und auch die Augen immer größer werden, dann ist das echt goldig.“

Seine schönsten Momente hat Helmut Nitzsche aber regelmäßig, wenn der Weihnachtsmarkt an der Landsberger Allee am „Handicap Day“ Menschen mit Behinderungen und Heimkindern kostenlosen Zugang ermöglicht.

„Die Leute sind dermaßen dankbar. Das sind wirklich sehr rührende Momente“, schwärmt der Schausteller und erzählt von einem kleinen Jungen, der nach einer Runde durch das Spiegellabyrinth nach seiner Hand griff und fragte: „Darf ich nochmal?“

„Ja, klar, so oft du willst“, antwortete Helmut Nitzsche. Da strahlte der Junge und lachte breit über das ganze Gesicht. „Sowas ist dann auch für mich das schönste Weihnachtsgeschenk.“