Gewalt in Berlin: Wo in Spandau die meisten Gewaltverbrechen passieren

Spandau hat ein Problem mit Gewalt. Zumindest in drei Bereichen steigt die Anzahl der Vorfälle stetig und liegt schon jetzt über dem Durchschnitt aller Berliner Bezirke.
Fabian Sommer/dpaIm Mai 2024 wurde in Berlin-Spandau ein Fußgänger auf offener Straße erschossen, es gab verschiedene Vorfälle, bei denen Menschen mit Messern attackiert wurden. Jüngst musste die Polizei ausrücken, weil eine Frau ihren Ex-Partner getötet haben soll und ein Spandauer wurde verurteilt, weil er seine ehemalige Lebensgefährtin bedroht und geschlagen hat. Gewalttätige Übergriffe häufen sich nicht nur gefühlt.
Laut aktuellem Präventionsreport für Berlin-Spandau sind drei Gewaltarten im Bezirk vorherrschend. „Spandau ist sicherlich in der Gesamtberliner Perspektive kein ‚Hotspot‘ von Gewalt und Kriminalität“, heißt es im Bericht. Dennoch weist der Bezirk in mancher Hinsicht Spitzenwerte im Vergleich zu ganz Berlin auf.
Erhöhte Gewalt in Familien und Konflikte im Zusammenleben
Besonders viele Vorfälle gibt es im Bereich der geschlechtsspezifischen Gewalt. Mit 594 Fällen je 100.000 Einwohnende zählt Spandau bei innerfamiliären und partnerschaftlicher Konflikten als überdurchschnittlich belasteter Bezirk. Der Durchschnitt in anderen Berliner Bezirken liegt bei 424 Fällen.
Häufig betroffen sind Frauen und Mädchen mit Flucht- und/oder Migrationserfahrung. Durch wirtschaftliche Abhängigkeit oder fehlende Information zu Hilfsangeboten sowie Aufklärung über ihre Rechte, sind sie besonders gefährdet, ergibt die Analyse. Gleiches gilt für betroffene Frauen mit Beeinträchtigungen.
Neben den polizeilich erfassten Vorfällen, wird zudem eine hohe Dunkelziffer vermutet, die nicht zur Anzeige gebracht wird, unter anderem in Bezug auf Sexismus, versteckte Prostitution, arrangierte Ehen oder Genitalverstümmelungen.
Jugendgewalt in Spandau über dem Durchschnitt
Die Vorfälle bezüglich Jugendgewalt in Spandau liegen ebenfalls über dem Berliner Durchschnitt. „Nach der Pandemie ist das Aufkommen von Jugendgewalt im Jahr 2022 stark angestiegen.“ Aufgrund dessen hat der Bezirk nach dem „Gipfel gegen Jugendgewalt“ im Jahr 2023 eine Aufstockung der Fördergelder erhalten.
Der Report bestätigt auch noch ein Jahr später, dass die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen in Spandau über dem Berliner Durchschnitt liegt, jedoch nicht an erster Stelle. Auf den vorderen Rängen liegen die Bezirke Mitte und Marzahn-Hellersdorf.
Gewalt in Spandau – Beleidigung, Bedrohung, Nötigung
Eine weitere Art der Gewalt, die in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, sind sogenannte „Delikte gegen die persönliche Freiheit“, wie beispielsweise Beleidigungen, Bedrohungen und Nötigungen. Sie sind laut Report in Spandau anhaltend stärker vertreten als im Rest Berlins.
Im Bereich der politisch motivierten Kriminalität und Gewalt sticht Spandau im Vergleich weniger hervor. „Unter allen zwölf Bezirken werden hier die wenigsten Fälle politisch motivierter Kriminalität erfasst“, heißt es im Bericht.

Grafik zum Vorkommen von gewalttätigen Übergriffen in den neun Ortsteilen in Berlin-Spandau
Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbHDoch nicht alle Ortsteile sind durch wachsende Gewaltbereitschaft gleich belastet. „Die aktuellen Herausforderungen zeichnen sich in Regionen wie Spandau Mitte, dem Falkenhagener Feld oder Heerstraße, also Regionen mit Großsiedlungsstrukturen und komplexen Problemlagen, nochmals in erhöhtem Maße ab“, heißt es seitens des Bezirksamts bezüglich des Präventionsberichts.
Der Grund für die erhöhte Gewaltbereitschaft wird in den Lebenslagen vieler Menschen gesehen: verdichteter Wohnraum, steter Zuzug, fehlende Infrastruktur. „Spandau ist in den letzten Jahren nicht nur schneller gewachsen und diverser geworden als das Land Berlin in Gänze, Spandau zeigt hinsichtlich verschiedener sozialer Aspekte zudem relativ konsistent erhöhte Belastungen“, heißt es im Präventionsreport.
Arbeitslosigkeit und Kinderarmut sind hier beispielhafte Stichworte. In Spandau beziehen mehr Menschen Transfereinkommen und eine größere Anzahl an Menschen leiden unter Erkrankungen, die auf Alkohol oder Nikotin zurückgehen, als in anderen Regionen Berlins, führt der Report aus.
Alle Ergebnisse des Präventionsreports werden am 10. Juli 2024 im Rahmen einer Fachtagung detaillierter vorgestellt, bewertet und diskutiert.
Fachtag für Gewaltprävention in Spandau
Wann: 10. Juli 2024, 13 bis 16 Uhr
Wo: Klubhaus Spandau, Westerwaldstraße 13, 13589 Berlin
Link zum Download der Studie: https://t1p.de/Spandau-Gewalt-Report
Der Präventionsbericht ist in Berlin bisher einmalig. Er bietet erstmals eine detaillierte Analyse der Gewaltbelastung in den neun Ortsteilen Spandaus. Anhand dieser eingehenden Erhebungen sollen nun zukünftige Präventionsmaßnahmen gezielter eingesetzt werden können.
Beauftragt wurde der Report von der seit 2023 existierenden Arbeitsstelle für Gewaltprävention beim Praxisforschungsinstitut Camino. Die Ergebnisse wurden Mitte Juli bis Ende November 2023 aus Interviews mit verschiedenen Fachstellen sowie statistische Daten erarbeitet. Ebenso sind die Erkenntnisse einer Gruppendiskussion mit Jugendlichen in den Report eingeflossen.



