Pünktlich zum Jahrestag der Katastrophe öffnen drei weitere Hotels erstmals wieder ihre Pforten. „Das sind alles Lichtblicke“, sagt Peter Kriechel vom Winzerverein Ahrwein. „Es ist wichtig, dass der Tourismus zurückkommt. Das ist unser Motor.“ Wie alle Menschen, mit denen man spricht, ist Kriechel unschlüssig, ob beim Thema Wiederaufbau Licht oder Schatten überwiegen. „Ich bin ein positiver Mensch und sage: Es wurde schon einiges geschafft“, erklärt Kriechel.
Die Auszahlung der staatlichen Unterstützungen verlaufe freilich schleppend. Viele Infrastruktur-Entscheidungen, wie es an der Ahr künftig aussehen soll, seien noch gar nicht getroffen worden. Umso wichtiger seien die Spendengelder auch aus Brandenburg. Pro Betrieb konnten rund 5000 Euro Soforthilfe ausgezahlt werden, für kleine Winzerbetriebe sei das viel Geld und auch eine wichtige moralische Unterstützung, nämlich das Signal, dass es weitergeht. „Kein Betrieb musste bislang aufgeben“, betont Kriechel stolz.

Die Schäden bei fast allen Ahrwinzern waren gigantisch

Die Schäden bei fast allen der rund 65 Ahrwinzer seien gigantisch gewesen, insgesamt ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag. Zehn Prozent der Anbaufläche sind wegen Flutschäden für Jahre verloren. Wer weiter helfen möchte, könne Wein aus der Region bestellen. „Noch besser ist: Kommen Sie vorbei!“, fordert der Vereinschef auf. Niemand müsse Sorge haben, dass er als Katastrophentourist gilt. „Wir sind darauf angewiesen, dass wieder Gäste kommen.“
Die vor einem Jahr bei der Flut zerstörte Bogenbrücke über die Ahr in Rech ist noch nicht wiederhergestellt.
Die vor einem Jahr bei der Flut zerstörte Bogenbrücke über die Ahr in Rech ist noch nicht wiederhergestellt.
© Foto: Boris Roessler/dpa
Auch Christopher Dressler, Vorsitzender des SC Rhein Ahr Sinzig, mag sich gar nicht ausmalen, wie der Sportverein ohne private Hilfsgelder dastehen würde. „Wir sind allen Spendern, vor allem unserem Großspender in Brandenburg, unendlich dankbar“, sagt er. „Der Verein war in hohem Maße darauf angewiesen. Und ist es noch“, betont Dressler. Von dem Geld sei als Erstes ein Kleinbus angeschafft worden. Ohne ihn wäre kein Trainingsbetrieb im Jugendbereich möglich gewesen. Da die beiden heimischen Plätze durch die Flut zerstört wurden, standen für jedes Training 20-minütige Autofahrten zu anderen Spielfeldern an. Für die damit verbundenen Mehrkosten waren die Spenden ebenfalls wichtig. Und auch beim Aufbau des Vereinsheims werde das Geld helfen.

Der SC Rhein Ahr Sinzig hat noch immer keine klare Perspektive, was aus dem Vereinsgelände wird

Ein Problem sei, dass es noch immer keine klare Perspektive gebe, ob der Sportplatz an der alten Stelle wiederaufgebaut wird oder ob ein neuer Standort gesucht werden muss. „Wir hängen ein bisschen in der Luft, haben aber auch Verständnis für die Komplexität der Entscheidung. Außerdem ist klar, dass Sozialeinrichtungen wie Kitas beim Wiederaufbau Vorrang haben“, erklärt der Vereinschef. Fakt sei jedoch, dass im Kreis Ahrweiler bislang kein Sportplatz wiederaufgebaut wurde. Eine Anlage sei erneuert worden, aber für dieses Projekt waren die Baupläne schon vor der Flut fertig, die Umsetzung hat sich also nur verschoben.

Frankfurt (Oder)

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, sagt Christopher Dressler über die Gemütslage vor Ort und den Umgang der Vereinsmitglieder mit den Widrigkeiten. Doch je länger sich der Wiederaufbau der Vereinsanlage hinziehe, umso schwieriger werde es, die Mitglieder gerade im Jugendbereich zu halten, gibt er zu bedenken. „Die ersten wandern ab zu Vereinen in Gegenden, die nicht von der Flut betroffen waren.“

Drei Angebote von Handwerkern sollten eingeholt werden – unmöglich!

Gabi Rittinghaus-Koppers vom Schullandheim und Jugendgästehaus in Urft, sagt am Telefon gleich zur Begrüßung: „Ach, wie schön, dass Sie anrufen. Wir denken mit großer Dankbarkeit tagtäglich an die Leserinnen und Leser der Märkischen Oderzeitung.“ Die Chefin des Vereins, der hinter der Einrichtung in Nordrhein-Westfalen steht, erzählt ebenfalls vom langen Warten auf die staatlichen Gelder. „Die Spendenmittel haben uns geholfen, zerstörte Gebäude zu sichern und teilweise in Eigenarbeit schnell zu sanieren“, berichtet Gabi Rittinghaus-Koppers.
Am 2. Juli 2022 demonstrierten Flutopfer in Mainz gegen die stockende Auszahlung von Geldern aus dem Wiederaufbaufonds.
Am 2. Juli 2022 demonstrierten Flutopfer in Mainz gegen die stockende Auszahlung von Geldern aus dem Wiederaufbaufonds.
© Foto: Helmut Fricke/dpa
Inzwischen seien fünf Millionen Euro an staatlichen Geldern für den Wiederaufbau insbesondere der zerstörten Turnhalle auf dem Areal zugesagt worden. Aber auf den finalen Bescheid warte man noch. Viele Vorgaben für die Beantragung von Hilfsgeldern hätten sich als nicht praxistauglich erwiesen, erzählt die Vereinsvorsitzende. „Es wurde verlangt, dass man drei Angebote von Handwerkern einholt. Aber es war unmöglich, die zu bekommen, weil die Firmen überlastet sind.“ Die Vorgabe sei dann geändert worden.

Das im Mai wiedereröffnete Reha-Zentrum ist moderner als vorher

Der Mediziner Paul Reuther konstatiert, dass zum Jahrestag der Flutkatastrophe in der Region viel gejammert werde. Das sei aus Sicht der Betroffenen verständlich. „Und doch, man muss auch loben“, findet Reuther, über viele Jahre im Vorstand der Lebenshilfe Sinzig aktiv. Auch dank der Spendengelder aus Brandenburg und mit Unterstützung der Landespolitik in Rheinland-Pfalz sei das Reha-Zentrum der Neurologischen Therapie Rhein-Ahr seit Mai dieses Jahres wieder am Start. „Und ich kann sogar sagen: Alles ist besser und moderner als vorher.“ Es sei die richtige Entscheidung gewesen, sofort nach der Katastrophe eine neue Immobilie zu suchen und diese umzubauen, statt darauf zu warten, dass die überflutete Anlage saniert wird, sagt Reuther.
Viele Menschen, die alles verloren haben, seien aber weiterhin geplagt. „Sie sind traumatisiert. Und hoffen und hoffen“, sagt Paul Reuther. Die Politik stehe vor der Grundsatzentscheidung, was man in 200 Metern Breite am Flussbett der Ahr mit Blick auf mögliche künftige Hochwasser tut – Häuser wieder aufbauen oder nicht?

Spendenaktion als Zeichen der Solidarität in der Not

Und wie blickt einer der Initiatoren auf die Spendenaktion vom vergangenen Sommer? „Nach dieser Katastrophe hat sich die Welt weitergedreht, wie sie es immer tut. Was bleibt, ist die tröstende Gewissheit, dass Menschen in Zeiten von großer Not zusammenrücken und einander helfen“, sagt Gernot Schmidt, SPD-Landrat von Märkisch-Oderland. „Es erfüllt mich mit Stolz, dass unsere Brandenburger ohne zu zögern zur Seite gesprungen sind und ihren Beitrag zu Nothilfe und Wiederaufbau geleistet haben.“

Zehn Projekte profitieren von den Spendengeldern aus Brandenburg

Die von Menschen in Brandenburg gesammelten Hilfsgelder sind im vergangenen Jahr sehr schnell in der Flutregion eingetroffen. Zu den Empfängern der insgesamt 957.000 Euro gehören der Lebenshilfeverein Sinzig, der Winzerverein Ahrwein, die Hinterbliebenen der bei dem Unwetter getöteten sechs Feuerwehrleute sowie der Jugendtreff Ehrang-Quint in Trier und das Haus der Jugend Prüm. Außerdem profitiert der SC Rhein-Ahr Sinzig, dessen komplette Sportanlage samt Inventar ein Opfer der Fluten geworden ist.
Weitere Mittel der von Märkischer Oderzeitung, Lausitzer Rundschau, Landkreis Märkisch-Oderland sowie den Gemeinden Wriezen und Letschin gemeinsam gestarteten Aktion „Wir helfen“ gingen an in Not geratene Feuerwehrleute in der Region und an das Schullandheim und Jugendgästehaus Dalbenden in Urft bei Euskirchen. Auch der Tier-Gnadenhof Anna in Neukirchen im Rhein-Sieg-Kreis sowie der Verein für Katastrophenhilfe und Wiederaufbau AHRche e. V. werden unterstützt.