Schule in Berlin
: Von Mobbing bis Kokstaxi – weitere Missstände an Grundschule

Eine Lehrerin, die in Berlin einen schwulen Lehrer gemobbt und verleumdet haben soll, soll unter Alkohol- und Drogeneinfluss unterrichtet haben. Abgeordnete nehmen Akteneinsicht.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Carl-Bolle-Grundschule in Berlin

Die Carl-Bolle-Grundschule in Berlin gerät nach dem Diskriminierungs- und Mobbingfalls eines homoxexuellen Lehrers immer mehr in den Fokus. Eine Lehrerin soll  jahrelang auch im Unterricht Drogen- und Alkohol konsumiert haben, ohne das es von der Schulaufsicht Konsequenzen gab.

Soeren Stache/dpa
  • Berliner Grundschule in Moabit wegen Diskriminierung und Missständen in Kritik.
  • Lehrer Oziel Inácio-Stech nach Outing von Schülern beleidigt, Schulleitung zeigte wenig Unterstützung.
  • Kollegin des Lehrers soll Mobbing betrieben sowie Alkohol und Drogen konsumiert haben.
  • Beschwerden wurden oft ignoriert, Überprüfung der Strukturen durch Bildungssenatorin angekündigt.
  • Fall erlangte internationale Aufmerksamkeit, Reformen für Beschwerdeverfahren gefordert.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mitglieder aus allen fünf Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses haben am Montag (30.6.) die Akten zum Fall des homosexuellen Lehrers eingesehen, der beklagt, monatelang an der Moabiter Carl-Bolle-Grundschule diskriminiert und gemobbt worden zu sein.

Der bildungspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Louis Krüger, sagte anschließend, insbesondere die Rolle der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) müsse noch geklärt werden. Die Akten zeigten ein Aufsichts- und Leitungsversagen von einzelnen Personen. Es gebe auch Hinweise auf strukturelles Versagen. „Die Beschwerdestrukturen greifen nicht.“

SPD-Abgeordneter kritisiert ein Aufsichtsproblem

Auch der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Marcel Hopp, sagte, der Fall zeige, dass es ein Aufsichts- und Leitungsproblem gebe. Diese Wahrnehmung habe sich noch verstärkt. Nötig sei ein funktionierendes Beschwerde- und Monitoringsystem für solche Fälle. Hopp forderte, den konkreten Fall weiter aufzuarbeiten und zu sehen, was sich künftig besser machen lasse.

Es geht um den Lehrer Oziel Inácio-Stech, der an der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit seit mehr als acht Jahren als pädagogische Unterrichtshilfe beschäftigt ist. Nach eigenen Angaben wurde der homosexuelle Lehrer nach seinem Outing von Schülern aus muslimischen Familien seit 2023 beschimpft, beleidigt und bedroht. Unter anderem wurde er von muslimischen Kindern als „unrein“, „ekelhaft“ und „Familienschande“ bezeichnet.

Schwuler Lehrer geriet selbst ins Kreuzfeuer

Der Inklusionslehrer kritisiert aber vor allem Schulleitung, Schulaufsicht und Bildungsverwaltung wegen mangelnder Unterstützung. Anstatt Hilfe zu bekommen, sei er nach schulinternen Gesprächen ab dem Frühjahr 2024 selbst immer mehr ins Kreuzfeuer geraten, berichtete er schon im Februar dieser Redaktion.

Unter anderem war ihm durch eine Kollegin unterstellt worden, Kindern „zu nahe“ gekommen zu sein, als er einem Mädchen und einem Jungen auf zwei zusammengeschobenen Sitzsäcken im Förderunterrichtsraum auf dem Handy ein Video über Stolpersteine gezeigt hatte.

Die besagten Kinder duften darauf nicht mehr zu ihm in den Unterricht, und der Hilfslehrer wurde angewiesen, wochenlang für alle einsehbar auf dem Flur zu unterrichten. Auch deshalb reichte sein Anwalt am 3. September 2024 bei der Schulaufsicht Mitte Beschwerde wegen Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ein. Monatelang gab es darauf keine Reaktion.

Am 17. September 2024 zeigt der Konrektor Oziel Inácio -Stech wegen Verletzung der Fürsorge– und Erziehungspflicht an. Dabei beziehe er sich auf „interne Befragungen“ von Schülern, gab er an. Doch von der Polizei befragt, entlasteten die Kinder den Lehrer. Die Vorwürfe seien ihnen von der besagten Lehrerin eingeredet worden.

Missbilligungsantrag gescheitert

Das Verfahren wurde im November 2024 eingestellt. Doch Inácio -Stech, der inzwischen krankgeschrieben ist und unter Panikattacken leidet, wurde bis heute nicht - auch auf seine wiederholten Bitten hin - weder von Schulamt noch Schulleitung offiziell rehabilitiert.

Das alles dokumentierte der Anwalt auch schon in einem neunseitigen Brief, den er am 4. Dezember 2024 direkt an Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch sendete. Als auch darauf keine Antwort kommt, wendet sich der verzweifelte Lehrer im Januar an diese Redaktion und macht seine Probleme erstmals öffentlich.

Inklusionslehrer Oziel Inácio-Stech vor der Grundschule in Berlin-Moabit, an der er seit über acht Jahren arbeitet. Die Probleme fingen erst an, als er sich outete.

Oziel Inácio-Stech prangert „Systemversagen“ an. Der Lehrer berichtete diesem Nachrichtenportal schon im Februar erstmals öffentlich über Mobbing durch Schüler und eine Kollegin.

Maria Neuendorff

Nach und nach wird der Fall auch bundesweit durch Medien bekannt. Kürzlich berichteten sogar Zeitungen in Italien und Israel. Doch ein von der Grünen-Fraktion eingebrachter Missbilligungsantrag gegen Bildungssenatorin Günther-Wünsch hat im Berliner Abgeordnetenhaus am vergangenen Donnerstag keine Mehrheit bekommen. Grüne und Linke stimmten am Donnerstag dafür, die Regierungsparteien CDU und SPD und zwei Fraktionslose dagegen, die AfD enthielt sich.

„Im Kontext der Diskriminierungs- und Mobbingvorfälle gegen die Lehrkraft Oziel Inácio-Stech behauptete die Senatorin Katharina Günther-Wünsch am 5. Juni 2025 im Ausschuss für Bildung, Jugend und Familie, dass ihr der an sie gerichtete Brief der Lehrkraft vom 4. Dezember 2024 nicht persönlich vorgelegen hätte“, kritisiert Louis Krüger, bildungspolitischer Sprecher der Grünen. „Diese Behauptung wiederholte sie auf Nachfrage des Kollegen Wesener in der Plenarsitzung am 12. Juni 2025.“

Am 20. Juni hatte die Senatorin dann eingeräumt, eine falsche Angabe zu dem Fall gemacht zu haben. Auf Nachfrage dieser Redaktion, ob sie den besagten Beschwerde-Brief im Dezember oder spätestens im Januar nach der ersten Presseanfrage nicht nur auf dem Tisch hatte, sondern auch gelesen habe, antworte ihr Sprecher am Dienstag (24.6.): „Die Senatorin hat das Schreiben gelesen und entsprechend verfügt.“

Verfügt heißt in diesem Fall, sie hat die Beschwerde zur Bearbeitung an das Schulamt Mitte weitergeleitet, dessen Referatsleiter selbst Gegenstand der Beschwerde ist, weil ihm der Anwalt in der Beschwerde Nichtstun und Befangenheit vorwirft.

Verleumdungen und Drogen-Konsum

Kein gutes Licht auf die derzeitigen Strukturen in der Berliner Bildungsverwaltung ergibt auch noch ein zweiter Fall an der Carl-Bolle-Grundschule, der nun an die Öffentlichkeit gelangt. Darin geht es genau um die Kollegin von Oziel Inácio-Stech, die ihn seinen Angaben nach gemobbt, verleumdet und fälschlicherweise behauptet haben soll, er würde den Kindern „zu nah“ kommen.

Diese Lehrkraft steht nun selbst im Fokus, da sie in der Schule Alkohol und Drogen konsumiert haben soll. Dieser Redaktion liegen eine Stellungnahme sowie eine Eidesstattliche Erklärung von zwei Lehrerinnen dazu vor. Die eine berichtet von Unwahrheiten, die die besagte Lehrkraft über den schwulen Lehrer nach seinem Outing verbreitet habe.

Zum Beispiel habe sie behauptet, er hätte Kindern gedroht. Die Kollegin habe sagt, dass sie einen Computer-Hacker beauftragen werde, um „das Leben von Herrn Inácio-Stech zu ermitteln und zu ruinieren“, berichtet die Lehrerin weiter.

Die andere Pädagogin berichtet, dass die besagte Lehrerin auch in den Pausen Drogen und Alkohol konsumiert habe und sie auch selbst mit Intrigen psychisch belastet habe.

Lehrerin soll Kinder vernachlässigt haben

Vier aktuelle und ehemalige Mitarbeiter der Carl-Bolle-Grundschule haben nun auch dem „Tagesspiegel“ in eidesstattlichen Erklärungen den Fall bestätigt. Wie die Zeitung berichtet, soll sich unter anderem die besagte Lehrerin ein Kokstaxi zur Schule bestellt, Kinder vernachlässigt und Kollegen belästigt haben. Obwohl dazu schon vor fünf Jahren die ersten Hinweise an die Schulleitung sowie an das Schulamt Mitte gegangen seien, blieb die Lehrkraft weiter im Dienst.

Auch in dem neunseitigen Brief, den der Anwalt von Oziel Inácio-Stech im Dezember per Einschreiben/Rückschreiben an die Senatorin schickte, weist der Jurist in mehreren Passagen namentlich auf die besagte Lehrkraft und die mutmaßlichen Verleumdungen gegen seinen Mandanten, sowie auf den Alkohol- und Drogen-Verdacht gegen sie hin.

Dieses Nachrichtenportal, das für den ersten Bericht zum Lehrer-Mobbing schon am 9. Januar in der Pressestelle der Senatsbildungsverwaltung um Stellungnahme bat, hatte den neunseitigen Anwalt-Brief ebenfalls noch einmal an die E-Mail der Presseanfrage angehängt.

Kurz danach erhielt Inácio-Stech am 14. Januar 2025 eine Antwort. Der Referatsleiter der Schulaufsicht Mitte lehnte die Beschwerde wegen Verstoßes gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz ab. Auch den Vorwurf seiner eigenen Befangenheit weist er zurück.

Beschwerdestrukturen werden überprüft

Die Fragen, die sich viele Beobachter nun weiter stellen: Was sind das für Strukturen, wenn eine Beschwerde zur Bearbeitung auf dem Tisch des Mitarbeiters landet, der selbst Inhalt der Beschwerde ist? Und warum unternahm die Aufsicht des Schulamtes Mitte in beiden Fällen nichts, obwohl mehrfach Missstände durch Lehrer an der Moabiter Grundschule angezeigt wurden?

Am späten Montagnachmittag gab es zumindest im Fall von Oziel Inácio-Stech doch noch eine Stellungnahme der Bildungssenatorin: „Die Beschwerdestrukturen werden überprüft, um künftig eine verlässliche Bearbeitung von Diskriminierungs- und Mobbingvorwürfe zu gewährleisten“, heißt es unter anderem darin. „Insbesondere muss eine zentrale Kontrollinstanz geschaffen werden.“