Herr Voge, Sie sind erst seit November 2020 Landrat im Sauerland. Kann man sich auf eine solche Hochwasser-Katastrophe vorbereiten?

Persönlich kann man sich darauf nicht vorbereiten. Wir als Kreis spielen im Krisenstab natürlich solche Szenarien durch, weil wir drei große Flussläufe haben. Aber dass, wie jetzt geschehen, kleine Rinnsale auf einmal so stark anschwellen und Schutt und Geröll in einer mehrere Meter breiten Front herunterspülen, darauf kann man sich nicht vorbereiten.

Marco Voge (41), CDU-Landrat der von der Flutkatastrophe betroffenen Region Märkischer Kreis in Nordrhein-Westfalen
Marco Voge (41), CDU-Landrat der von der Flutkatastrophe betroffenen Region Märkischer Kreis in Nordrhein-Westfalen
© Foto: Hendrik Klein/Märkischer Kreis

Wie verliefen die Rettungseinsätze?

Der Kreisbrandmeister hat das gemeinsam mit den 15 Städten und Gemeinden im Kreis in Bezug auf die Feuerwehr und andere Einsatzkräfte sehr gut gemeistert. Auch das Zusammenspiel mit der Polizei und Hilfsorganisationen wie dem THW hat ausgezeichnet geklappt. Insgesamt waren 1500 Einsatzkräfte im Märkischen Kreis unterwegs – davon 300 aus den Regierungsbezirken Arnsberg und Detmold.

Spendenkonto Hochwasserhilfe

Für die Spenden aus Brandenburg wurde ein Konto eingerichtet: Landkreis Märkisch-Oderland, IBAN: DE39 1705 4040 0020 0662 95, Stichwort: Spenden Hochwasserhilfe 2021

Der Tod der Feuerwehrleute ist schrecklich und für alle sehr bedrückend

Wie ist die Schadensbilanz? Es gab ja leider auch Todesopfer.

Wir haben im Märkischen Kreis keine zivilen Opfer, aber zwei tote Feuerwehrkameraden zu beklagen. Das ist schrecklich und sehr bedrückend für uns alle. Die größten Schäden im Kreis konzentrieren sich auf Werdohl, Nachrodt-Wiblingwerde und Schalksmühle. Am schlimmsten betroffen war Altena. Auch in Menden und einem Ortsteil von Iserlohn sowie in meiner Heimatstadt Balve gibt es Schäden. Allein im öffentlichen Bereich liegen sie im gesamten Kreis im dreistelligen Millionen-Bereich. Da können Sie sich ausmalen, dass die Schäden im privaten Bereich noch um ein Vielfaches höher sein werden. Die finalen Zahlen können derzeit noch nicht benannt werden.

Wie steht es um die Wiederherstellung der Infrastruktur?

Die Funknetze funktionieren, beim Festnetz gibt es hier und da noch Probleme. Einige wenige Bundes- und Landesstraßen sind noch nicht wieder befahrbar, an anderen konnten die größten Schäden notdürftig repariert werden. Alle Akteure sind mit Hochdruck dabei, die Verbindungen wiederherzustellen. Bei vielen Kommunalstraßen stellt sich noch die Frage der Standfestigkeit. Beschädigte Brückenbauwerke sind außerdem ein riesengroßes Thema. Manche Bahnverbindungen sind ebenfalls noch gesperrt. Außerdem haben wir allein zwei Millionen Euro Schäden an Waldwegen.

Die ersten Hilfsgelder sind da – aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein

Wie ist im Moment die Lage in den Kommunen?

Die Aufräumarbeiten laufen sehr gut. Auch die Verteilung der ersten Hilfsgelder, je 200 Millionen Euro vom Bund und vom Land, an Privatleute, die Wirtschaft und die Kommunen geht voran. Wobei diese Summen natürlich erstmal nur ein Anfang und eine erste Soforthilfe sein können.

Gibt es weitere Hilfsaktionen?

Ja, auf der Internetseite des Kreises haben wir verschiedene Initiativen aufgelistet. Das läuft in erster Linie über die einzelnen Städte, die das unterschiedlich organisieren, zum Beispiel in Zusammenarbeit mit Stiftungen. Viele Familien haben durch die Katastrophe alles verloren. Es gibt auch Spendenkonten für die Familien der beiden verstorbenen Feuerwehrleute.

Jeder Euro ist willkommen und kommt dort an, wo er gebraucht wird

Menschen in Brandenburg haben im Rahmen der Aktion „Wir helfen“ bislang knapp 500.000 Euro für die Flutopfer gespendet. Das Geld soll auch Menschen im Märkischen Kreis zugutekommen.

Das ist echt stark. Ich freue mich über die Solidarität in Brandenburg und die Bereitschaft, trotz der großen räumlichen Distanz zu helfen. Jeder Euro hilft, und wir sorgen dafür, dass das Geld dort ankommt, wo es gebraucht wird. Auch von Christian Heinrich-Jaschinski, dem Landrat unseres Partnerkreises Elbe-Elster in Brandenburg, kam übrigens sofort nach der Katastrophe ein Anruf, in dem er Hilfe angeboten hat. Das ist überwältigend. Vielen Dank nach Brandenburg an alle, die uns helfen!

Was bedeutet die Katastrophe für den Zusammenhalt in Ihrer Region?

Wir erleben auf vielen Ebenen eine beeindruckende Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität. Menschen aus meiner Heimatstadt, selbst betroffen vom Unwetter, sind nach Altena gefahren, um uneigennützig dort zu helfen, wo die Not am größten war. Häuser ausräumen, Unrat und Dreck beseitigen. Immer wieder sehe ich auch, dass Menschen den Einsatzkräften Essen bringen. Und die Städte unterstützen sich auf vorbildliche Art gegenseitig. Genauso die Vereine und die Nachbarschaften.

Wie Brandenburg den Unwetter-Opfern hilft, lesen Sie auf einer Themenseite.

Der Märkische Kreis – einst Teil von Preußen

Der Märkische Kreis liegt im Nordwesten des Sauerlands. Auf einem Gebiet halb so groß wie Märkisch-Oderland leben mehr als 400.000 Menschen, also in etwa doppelt so viele wie zwischen Strausberg und dem Oderbruch. Der Name des Landkreises in Nordrhein-Westfalen rührt daher, dass Teile der Region einst zu Brandenburg-Preußen gehörten. Der 41 Jahre alte Marco Voge (CDU) ist seit Ende 2020 Landrat des Kreises. Davor war der Diplom-Sozialwissenschaftler Abgeordneter im Landtag in Düsseldorf.