Berlinale 2024: So war das Filmfestival in Berlin – und das hat gefehlt

Glanz auf dem Roten Teppich der internationalen Filmfestspiele Berlin: Carey Mulligan und Adam Sandler kommt zur Premiere des Films „Spaceman“ im Rahmen der Berlinale 2024.
Britta Pedersen/dpaWird es der tunesische Film über eine Mutter, deren Sohn als IS-Krieger losgezogen ist? Oder der iranische Film über eine 70-Jährige, die im Alter nochmal die Liebe und das Leben entdeckt? Der Film über die jungen Frauen in Venetien, die im 18. Jahrhundert in der Musik die Freiheit entdecken? Oder doch der atemberaubende Parforce-Ritt von „La Cocina“, der einen Tag in einer New Yorker Großküche begleitet, das Personal größtenteils illegal arbeitende Mexikaner?
Am Ende hat Mati Diops eindringlicher Esssayfilm über die Rückkehr der kolonialen Raubgüter aus dem einstigen Königreich Dahomey von Paris ins heutige Benin das Rennen gemacht und wurde mit dem Goldenen Bären geehrt. Jurypreise gingen an die Cineasten-Lieblinge Bruno Dumont und Hong Sangsoo. Matthias Glasner wurde für „Sterben“ immerhin mit dem Drehbuchpreis ausgezeichnet, Andreas Dresen ging mit „In Liebe, Eure Hilde“ leer aus.
Was viele Filme im diesjährigen Wettbewerb eint: Es sind Außenseiter im Filmbusiness. Filme, aus denen man viel lernt über andere Länder, über das Leben dort und die Schwierigkeiten. Aber keine Filme, die auch nur eine Chance hätten, deutschlandweit in den Kinos wahrgenommen zu werden.
Wenige Stars, viele Zuschauer auf der Berlinale 2024
Das letzte Jahr des Leitungsduos Carlo Chatrian/Mariette Rissenbeek bei Deutschlands größtem und wichtigsten Filmfestival ist ein Jahr des Übergangs. Es zeigt ein Festival, das sich mühsam politisch zu positionieren sucht, mit Diskussionen über die Ein- und Ausladung von AfD-Abgeordneten und zum Teil vom Festival selbst organisierten Protest-Demonstrationen auf dem Roten Teppich. Auch die Preisverleihung war gekennzeichnet durch viele kräftig beklatschte Solidaritätsadressen für die Palästinenser, Israelkritik und allgemeine Aufrufe zum Frieden.
Es war aber auch ein Festival, das spürbar schwächelt, was internationale Star-Prominenz angeht. Und das gleichwohl getragen wird von unzähligen begeisterten Filmfans, die morgens um 10 Uhr in der Online-Warteschlange zum Kartenkauf hängen, sich am Rand des Roten Teppichs um Autogramme drängen und viele Vorführungen mit langen Standing Ovations aus dem Zeitplan bringen. 271 000 verkaufte Karten meldete die Berlinale stolz schon zur Halbzeit, dazu mit 12 000 Fachbesuchern aus 143 Ländern und über 1200 Verkäufen. Rekordzahlen auch um die Berlinale begleitenden Filmmarkt.
Auf ihre Berliner kann sich die Berlinale also verlassen, auch auf die deutschen Stars von Lars Eidinger über Nina Hoss bis Liv Lisa Fries, die in jedem Film, in dem sie auftreten, sehenswerte Leistungen abliefern. Und doch hat das Festival zunehmend ein Relevanzproblem. Nicht nur, weil viele Produktionen unter der Last der schwergewichtigen aktuellen Themen zu ächzen scheinen, sei es die Rückgabe kolonialen Raubguts nach Benin, die Corona-Spätfolgen unter Filmschaffenden, der Zubetonierung der Welt in Zeiten des Klimawandels oder der Beachtung des Tierwohls in Gestalt eines sprechenden Nilpferds – der Film „Pepe“ und sein Regisseur Nelson Carlos De Los Santos Arias war der Jury immerhin den Preis für die beste Regie wert.

Auch ein Star: Das Nilpferd Pepe in einer Szene des gleichnamigen Wettbewerbsbeitrags. Der Film geht bei der Berlinale 2024 in das Rennen um einen Goldenen Bären. Insgesamt sollen 20 Filme im Wettbewerb in Berlin laufen.
Monte & Culebra/Berlinale/dpaSchwerer wiegt, dass eine Antwort auf die Fragen der Zukunft auf dieser Berlinale nicht zu finden war, ja noch nicht mal die Fragen ernsthaft gestellt wurden. Die Diskussion über KI und deren Chancen und Gefahren für Schauspieler, Drehbuchschreibende und andere Filmschaffende, die nach den Streiks in den USA eigentlich zwingend war? Fand abseits der Berlinale in den Räumen der Friedrich-Ebert-Stiftung statt.
Die Frage nach der Rolle und der Macht von Netflix & Co. in der Filmwelt – kein Thema, außer dass „Spaceman“ mit Adam Sandler und Carey Mulligan, den Netflix erst gar nicht für eine Kinoauswertung vorgesehen hat, in der Special-Reihe lief. Auch das Thema „Serien“, für viele inzwischen eine echte Alternative zum klassischen Kinofilm, hat nach Abschaffung der Reihe „Berlinale Series“ keinen rechten Platz mehr auf dem Festival.

Gefeiert: Martin Scorsese, Regisseur und Drehbuchautor, spricht während einer Berlinale-Pressekonferenz. Im Rahmen der 74. Internationalen Filmfestspiele Berlin soll er für sein Lebenswerk mit dem Goldenen Ehrenbären ausgezeichnet werden.
Hannes P Albert/dpaAm Ende wird einer der eindrücklichsten Berlinale-Momente des Jahres die Begegnung mit dem 81-jährigen Martin Scorsese gewesen sein. Der „Mr. Filmgeschichte“ schlechthin, der hellwach im Kopf und schlagfertig wie eh und je den besten Beweis dafür liefert, dass Filme machen und Filme lieben ein Lebenselixier sein kann. Und der gleichzeitig keine Angst hat vor der Zukunft und allen Veränderungen, die sie mit sich bringt. „Ich denke nicht, dass der Film stirbt, er verändert sich“, sagte er auf der Pressekonferenz. Er habe durchaus das Gefühl, noch etwas zu sagen zu haben und wolle mit seinem nächsten Film gern wiederkommen.
Ein 81-Jähriger, der an die Zukunft glaubt – das ist nicht die schlechteste Symbolfigur für ein Festival, das sich für sein 75. Jahr dringend neu erfinden muss.





Bei den Oscars ist der deutsche Film derzeit sagenhaft gut aufgestellt. Doch die Berlinale hat sehr zu kämpfen. Die Gründe sind auch hausgemacht.