Herr Schultz, im Zuge der Corona-Berichterstattung gibt es Neuigkeiten und Milliardenpakete praktisch im Stundentakt. Kann der Journalismus unter diesem Zeitdruck angemessen kritisch und hintergründig reagieren?
Alle sind in der aktuellen Krise von den Entwicklungen überrollt worden. Kritik und Kontrolle müssen aber auch in schweren Zeiten ausgeübt werden. Und je länger diese einmalige Situation andauert, umso wichtiger ist es, dass der Journalismus seine Funktion als Kontrollorgan wahrnimmt.
Sie waren früher selbst Journalist. Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken?
Allein die Eile, mit der jetzt innerhalb einer Woche unvorstellbare Summen durch Kabinett, Bundestag und Bundesrat gebracht werden, entspricht eigentlich nicht der Demokratie, denn die braucht Zeit für Debatten. Aber gerade weil wir diese Zeit nicht haben, ist es umso wichtiger, dass nicht der Eindruck entsteht, dass alles geht. Auch rückblickend wird man schauen müssen, ob wir nicht noch ein paar zusätzliche Sicherungsmechanismen brauchen.
Wie meinen Sie das?
Wir müssen dafür sorgen, dass Dinge, die uns jetzt einleuchtend und richtig erscheinen, nicht künftig missbraucht werden können. Es ist einerseits in der gegenwärtigen Lage beruhigend zu wissen, was der Staat alles kann. Aber gleichzeitig fände ich es mit dem Blick auf einen Missbrauch ein gruseliges Vorzeichen, dass man allein mit einem Infektionsschutzgesetz die Grundrechte aller Bürger wochenlang aushebeln kann. Hier ist der Journalismus als kritischer Nachhaker gefragt. Genauso wie bei der Frage, wie gegenwärtig auf den internationalen Märkten jeder Staat für sich versucht, mit sehr viel Geld und Machtausübung sich Schutzkleidung zu sichern.
Liegt in dieser Krise auch eine Chance für den Journalismus?
Sehr viele Menschen erkennen in solchen Krisen, wie systemrelevant Journalismus ist. In diesen Phasen ist es nicht nur die Langeweile, die Leute vor den Fernseher, an die Zeitungen und in die Online-Medien treibt, sondern wirkliches Interesse, ein Bedürfnis und die Notwendigkeit, sich zu informieren. Verlässliche Nachrichten sind hoch gefragt, auch um sich von Gerüchten, Spekulationen und Fake News abzugrenzen. Das ist eine Chance für den Journalismus. Aber er wird natürlich auch überrollt in seinen Kapazitäten, die Arbeitsbedingungen werden schwieriger.
Das spielt Kritikern des Journalismus in die Karten ...
Es kann passieren, dass solche destruktiven Stimmen lauter werden, je länger die Krise dauert, vor allem, wenn ihre negativen Folgen spürbar werden. In unserer letzten Umfrage Ende vergangenen Jahres waren 18 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Bevölkerung von den Medien systematisch belogen wird.
Gibt es Untersuchungen darüber, wie sich das Verhältnis zu Medien in Krisenzeiten entwickelt?
Es gibt Studien, die zeigen, dass es in Krisenzeiten einen enormen Nachfrageboom für Medien gibt. Und es ist auffällig, dass die Leute bei wichtigen Themen, bei denen es große Einigkeit in der Wissenschaft und der Politik gibt – wie im Moment –, eher bereit sind, den Medien zu vertrauen. Das betrifft zum Beispiel Themen wie Umweltzerstörung, Katastrophen und Terroranschläge. Um so wichtiger ist es, dass Medien darüber berichten, dass sich auch die Wissenschaft nicht überall einig ist, sondern zuweilen unsicher oder sogar ratlos.
Wie können Journalisten das besser vermitteln?
Es ist ein Problem, dass der Wissenschaftsjournalismus in vielen Redaktionen abgebaut wurde und viele gut ausgebildete Naturwissenschaftler lieber in Unternehmen und an die Unis gegangen sind. Es lohnt sich für die Zukunft, in diesem Bereich mehr gute Leute mit ihren speziellen Kenntnissen zu holen.
Durch die Abstandsregelungen und das Herunterfahren des sozialen Lebens haben auch wir Journalisten kaum noch direkten Kontakt mit Politikern, Wissenschaftlern oder Informanten, das meiste läuft per Telefon oder Videostream. Sehen Sie darin eine Gefahr?
Die Gefahr ist bereits in den vergangenen Jahren gestiegen, weil immer mehr Parteien, Behörden und Unternehmen dazu übergegangen sind, an Journalisten vorbei alles per Social Media zu verbreiten. Die wachsende Distanz ist insofern problematisch, weil im Journalismus Tippgeber ganz wichtig sind. Wenn man die nicht mehr trifft, wird die Arbeit schwierig. Mich stimmt es aber hoffnungsvoll, dass Whistleblower sich auch bisher schon auf digitalem Wege an Journalisten gewandt haben und das hoffentlich weiter tun.
Viele Zeitungen spüren in der gegenwärtigen Krise einen Rückgang an Anzeigen. Wie wird sich das Ihrer Meinung nach auf den Zeitungsmarkt auswirken?
Auch ich teile die Sorge, dass eine Wirtschaftskrise großen Ausmaßes die Zeitungen ebenfalls stark trifft. Ich hoffe aber, dass viele Menschen im gegenwärtigen Boom des Nachrichtensuchens erkennen, wie wichtig Zeitungen sind und bereit sind, ein paar Euro für ein Abonnement zu bezahlen.
Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in  unserem Coronablog.