Nach Wahlen in Berlin und MV: Was wird aus Friedrich Merz? - Die Rede des Kanzlers im Wortlaut

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern im Konrad-Adenauer-Haus.
Michael Kappeler/dpaNach den Erfolgen von AfD und Linken bei den Landeswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie dem schwachen Abschneiden seiner eigenen Partei steht Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) weiter stark unter Druck. Ungewöhnlich zeitig äußerte sich der Kanzler zu den Urnengängen am Sonntag. Das ist seine Rede im Wortlaut:
So reagierte Kanzler Merz auf die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern
Die Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz im Wortlaut: „Mit dem heutigen Wahltag endet das Wahljahr 2026. Wir haben in Baden-Württemberg im Frühjahr Gewinne erzielen können und haben dennoch unser Wahlziel knapp verfehlt. In Rheinland-Pfalz wurde die CDU stärkste Kraft und hat nach 35 Jahren mit Gordon Schnieder als Ministerpräsident wieder die Regierungsverantwortung übernommen.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war ein tiefer Einschnitt und die schwerste Wahlniederlage für uns seit vielen Jahren. Bei den Kommunalwahlen in Hessen und in Niedersachsen ist die CDU wiederum erneut stärkste Kraft geworden. Und heute haben wir zwei Wahlen erlebt mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern können wir nicht schönreden. Es ist ein Desaster.
Die CDU hat gekämpft, aber es ist am Ende die CDU zerrieben worden in der Zuspitzung zwischen SPD und AfD. In unserer Hauptstadt, hier in Berlin, hat Stefan Evers in einer sehr schwierigen Situation den Staffelstab als Spitzenkandidat übernommen und er ist direkt in den Wahlkampf eingestiegen. Mit vollem Einsatz und großem Engagement hat er die CDU zu einem ordentlichen Ergebnis geführt. Ich danke deshalb zunächst den Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfern, die sich für unsere Partei im ganzen Land in diesem Jahr eingesetzt haben. Teils unter sehr schwierigen Bedingungen, auch weil der Rückenwind aus Berlin ausgeblieben ist.
Bei aller Unterschiedlichkeit der Wahlergebnisse: Wir alle sorgen uns gemeinsam um die Zukunft unseres Landes. Wir erleben einen Staat, der zu kompliziert geworden ist. Unsere Wirtschaft steht mitten in einem tiefen Umbruch und der Ton im Miteinander in unserer Gesellschaft ist rauer und unversöhnlicher geworden. Schließlich: Das Vertrauen in die Institutionen unseres Landes sinkt und wird von radikalen Parteien links und rechts aktiv untergraben. In Deutschland und in Europa müssen wir daher wieder sehr grundsätzlich über Freiheit, über Sicherheit im Alltag, über Frieden und über unsere eigenen Stärken und auch über unsere Schwächen reden.
Und das alles angesichts sehr konkreter Bedrohungen. Die Antwort darauf kann kein Zurück in die gute alte Zeit sein. Die Antwort kann aber auch nicht sein, alles Gute immerzu nur schlechtzureden. Die Antwort muss sein, unser Land fit zu machen für die Zukunft. Ich möchte, dass unser Land wieder ein Land des Aufbruchs wird.
Ich möchte, dass unser Land wieder in seine eigene Kraft vertraut. Ich möchte, dass in unserem Land das Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen auch und gerade für die jungen Menschen gilt. Wohlstand auch für die junge Generation muss eigentlich die Fortsetzung des berühmten Buches von Ludwig Erhard heißen, der einmal geschrieben hat: Wohlstand für alle. Wir brauchen dazu Veränderungen. Veränderungen kosten Kraft.
Nicht alles wird schnellen Beifall finden. Ich weiß, dass diese Veränderungen auch für viele von Ihnen auch mit Belastungen und neuen Unsicherheiten einhergehen. Und in einigen Bereichen wird sich die Wirkung auch erst nach einiger Zeit einstellen. Aber genau deswegen können wir diese Entscheidungen jetzt nicht aufschieben. Die Reformen müssen kommen.
Natürlich bringt uns das alle in eine schwierige Situation. Aber wir übernehmen diese Verantwortung. Ich übernehme diese Verantwortung. Denn ich möchte unser Land voranbringen. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass der Erfolg unserer Reformen nicht nur unser Zusammenleben verbessert, sondern auch unser Selbstbild und unser Bild in der Welt.
Deutschland ist reformfähig. Ich gehe sogar so weit und sage: Diese Reformen sind das Mittel gegen das autoritäre Gift, das mit der Faszination des Autoritären immer tiefer in unsere Gesellschaft eindringt. Was jetzt zu tun ist, erfordert Rückgrat, Standhaftigkeit und Geduld. Ich werde das aufbringen, als Parteivorsitzender der CDU und vor allem als Bundeskanzler unseres Landes. Ich danke Ihnen.“
