Er könnte Teil eines Wandels sein. Und das in einer Partei, in der sich die Vorsitzende über das dritte Geschlecht lustig macht, die Bundeskanzlerin gegen die gleichgeschlechtliche Ehe stimmt und selbst der schwule Bundesgesundheitsminister das Blutspendeverbot für homosexuelle Männer nicht lockern will. Marcel Ruffert aus Velten könnte helfen, die CDU für queere Themen zu öffnen. Zumindest erst einmal auf lokaler Ebene. Der 26-jährige Stadtverordnete ist seit anderthalb Jahren mit einem Mann zusammen, seit einem Jahr ist das Paar verlobt.
Was schon Jens Spahn zeigt, bestätigt Marcel Ruffert: Konservatismus, der oft als rückständig betrachtet wird, und Homo- oder Bisexualität schließen sich nicht per se aus. „Ich bin in manchen Themen konservativ, in anderen liberal“, sagt Marcel Ruffert. Ihm seien jedoch Werte wichtig. „Nicht nur in der Wirtschaft.“ Er studiert nachhaltiges Unternehmensmanagement in Eberswalde. „Gerade die Familie begreife ich als einen wichtigen Wert.“ Ihm sei es dabei aber egal, ob die Eltern Mama/Papa oder Papa/Papa beziehungsweise Mama/Mama sind.

Ruffert in der öffentlichen Kritik

Er selbst ist 2007 mit seiner Mutter nach Velten gezogen. „Sie hat mich offen erzogen“, sagt er. Anfangs brachte er Freundinnen mit nach Hause. Später einen Freund. Beides sei bei Familie und Freunden auf die gleiche Offenheit gestoßen. „Als ich dann wusste, dass ich bisexuell bin, habe ich kein Geheimnis daraus gemacht.“ Zum Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie am 17. Mai in diesem Jahr hat er auf Instagram einen queeren Post hinterlassen. Es war sein erster öffentlicher Beitrag. Doch er will mehr machen.
Bisher reichte die Zeit durch diverse Engagements, Studium, Privatleben und Stadtpolitik nicht aus. Zumal er vor einiger Zeit im öffentlichen Fokus stand, auch überregional. Marcel Ruffert galt vielen als Zünglein an der Waage: Als CDU-Fraktionschef stimmte er im Stadtparlament mit Pro Velten, AfD und NPD für ein Moratorium, das Bauvorhaben mit mehr als 50 Wohneinheiten so lange aufschiebt, bis finanzielle und infrastrukturelle Differenzen geklärt seien.

Konservativ und gleichzeitig offen

„Das war eine harte Zeit“, sagt er rückblickend. Das Telefon stand nicht still. Zwei Tage lange konnte er nicht schlafen. Er stand unter Beschuss, wirkte verbissen, unbelehrbar, manchmal unsicher. Marcel Ruffert stand unter Druck. „Ich bin erst seit einem Jahr Abgeordneter“, sagt er. Und er erklärt erneut: Es habe keine gemeinsame Abstimmung mit AfD oder NPD gegeben. Er sei nicht verantwortlich für das Abstimmungsverhalten anderer.
Jeder müsse solche Entscheidungen mit seinem Gewissen vereinbaren können, sagt er. Ihm gehe es um Velten. Auch hier wird deutlich, wie Konservatismus und der Kampf für ein offenes Leben aufeinander prallen und sich offenbar nicht ausschließen müssen.

Den Verlobten über eine App kennengelernt

Ruhe um seine Person kehrte erst ein, als vor wenigen Wochen der Streit um die Sanierung der Skateranlage in Velten durch war. Im Anschluss kam der Kreisjugendring auf ihn zu. „Ich wurde zum Begleitausschuss eingeladen, um LGBTQ-Themen zu diskutieren.“ LGBTQ steht für lesbisch, gay (schwul), bisexuell, transgender und queer. Mit seinem Mandat in Velten will er nun öffentlichkeitswirksamer für queere Themen einstehen. „Es gibt in Oberhavel keine Anlaufstelle für Community“, sagt er.
Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle richten ihren Schwerpunkt nach Berlin oder tummeln sich auf Dating-Apps wie PlanetRomeo oder Grindr. Marcel Ruffert lernte dort seinen Freund kennen. Generation Instagram: Er denkt in Posts mit Filtern, Hashtags, Fotos mit coolem Blick und leichtem Duckface. Als das Bild für diese Zeitung entstand, musste es „mein Schatzi“ absegnen.

Rückzugsort für Schwule, Lesben und Bisexuelle

Am 24. September wird es mit einem Regenbogen-Stammtisch ein erstes Angebot für queere Menschen in Oberhavel geben. Marcel Ruffert freut sich. „Der Stammtisch soll eine Anlaufstelle für alle sein, die Probleme haben. Ein Rückzugsort, wo jeder Hilfe bekommt.“ Er selbst will mit seiner Teilnahme die LGBTQ-Community in Oberhavel stärken. „Ich bin extrem froh, dass die Runde außerhalb von Parteipolitik angelegt ist.“
Er könne sich vorstellen, dass der Stammtisch Aufklärungsarbeit leisten kann. Alles abseits der heteronativen Norm muss als ebenso normal angesehen werden. Dazu könnte sich Marcel Ruffert eine Woche der Vielfalt mit dem Schwerpunkt LGBTQ sowie einen kleinen Pride in Oranienburg vorstellen – „für mehr Sichtbarkeit“.

Keine Anfeindungen in Velten oder der CDU

Seine Stammpartei ist gerade dabei, ihr Image etwas aufzupolieren. Nach jahrelanger Stiefmutterbehandlung soll nun die Lesben- und Schwulenunion (LSU) stärkeren Einfluss bekommen. „Bisher habe ich die Interessenvertretung kaum wahrgenommen. Sie war nicht sichtbar“, so Marcel Ruffert.
Probleme wegen seiner Sexualität habe er bisher weder in der CDU noch in Velten gehabt. „Aber ich bin auch nicht der Typ, der öffentlich Händchen hält.“ Er versteckt sich aber nicht, will sich zeigen, der Community mit seinem öffentlichen Outing helfen. Er will zeigen, dass jung, konservativ und queer sich nicht ausschließen.