2. Weltkrieg in Seelow
: 80. Jahrestag der Schlacht – das ist vor Ort geplant

Der 80. Jahrestag vom Ende des 2. Weltkriegs wird von Land und Bund als heikle Angelegenheit angesehen, bei der man sich besser nicht sehen lässt. Ganz anders sieht man das in Seelow.
Von
Ulf Grieger
Seelow
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Sowjetische Kriegsgräberstätte Seelower Höhen. MOL-Landrat Gernot Schmidt (links) und Seelows Bürgermeister Robert Nitz haben für den 16. April eine gemeinsame Veranstaltung vorbereitet.

Sowjetische Kriegsgräberstätte Seelower Höhen. MOL-Landrat Gernot Schmidt (links) und Seelows Bürgermeister Robert Nitz haben für den 16. April eine gemeinsame Veranstaltung vorbereitet.

Ulf Grieger
  • Seelow plant Gedenken zum 80. Jahrestag der Schlacht um die Seelower Höhen am 16. April 2025.
  • Landrat Gernot Schmidt und Bürgermeister Robert Nitz haben Veranstaltungen vorbereitet, trotz Vorbehalten von Bund und Land.
  • Russische Vertreter sind eingeladen; Veranstaltung soll internationale Beziehungen stärken.
  • Gedenktafeln und "Vectors of Memory" werden enthüllt.
  • Zeitzeugenberichte und historische Exponate sind Teil der Feierlichkeiten.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Kann man den 80. Jahrestag der Schlacht um die Seelower Höhen begehen, ohne Vertreter der Sieger einzuladen? Wie schwer sich die Bundesregierung mit der Gedenkveranstaltung zum Kriegsende tut, konnten die Seelower bereits im August 2024 erleben, als Bundeskanzler Olaf Scholz die Kreisstadt von MOL besuchte. Der erste Besuch eines Kanzlers in der Gedenkstätte Seelower Höhen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Nur mit einigen Parteifreunden ließ sich Scholz dort herumführen.

Zu den Gedenkveranstaltungen im Frühling 2025 hat das deutsche Außenministerium sich sogar genötigt gesehen, eine Handreichung herauszugeben, wie zu reagieren ist, wenn sich Vertreter Russlands in den Gedenkstätten einfinden. In Seelow bereiten die Stadt und der Landkreis gemeinsam eine Gedenkveranstaltung vor. Über den Ablauf haben sie die russische Botschaft informiert.

Gedenken in Seelow: Alles mit Russland abgestimmt

An der Gedenkstätte Seelower Höhen geben sich Landrat Gernot Schmidt (SPD) und Seelows Bürgermeister Robert Nitz (parteilos) am Montag (24. März) ganz gelassen angesichts solcher Vorbehalte. Den Umstand, auch ohne politische Prominenz von Land und Bund vor Ort auskommen zu müssen, sehen beide nicht als tragisch an. Landrat Gernot Schmidt geht auch davon aus, dass die Vertreter der russischen Botschaft, wie bereits schon am 31. Januar zur Gedenkveranstaltung in Kienitz, auch zur Gedenkstätte nach Seelow kommen werden. Eine Extra-Einladung vom Kreis braucht es dafür dank der internationalen Verträge nicht, betont der Landrat.

„Wenn der russische Botschafter herkommt, dann werden wir ihn ganz herzlich begrüßen, so wie wir das immer getan haben“, erklärt Gernot Schmidt, der sich am 16. April urlaubsbedingt aber von Vize-Landrat Friedemann Hanke (CDU) vertreten lassen wird. Er informiert, dass auch sämtliche Bauarbeiten zur Herstellung der Barrierefreiheit in dem bereits 1945 geschaffenen Ensemble mit der russischen Botschaft abgestimmt worden waren. In Kienitz hatte Botschafter Sergej J. Netschajew es bei einigen freundlichen Worten belassen, in denen er für das jahrzehntelange Wachhalten der Erinnerung dankt und sich optimistisch dazu äußert, dass sich die Beziehungen zwischen dem deutschen und dem russischen Volk wieder gut entwickeln werden.

Seelow als Teil der Liberation-Route ausgewiesen

Erwartet werden in Seelow aber auch Vertreter aus den polnischen Erinnerungsorten Slonsk-Sonnenburg und Kostrzyn-Küstrin sowie aus Letschin und Klessin. Diese Orte sind im Rahmen des EU-Projektes Stätten der Erinnerung Oder-Warthe durch neue Kulturroute „Liberation Route“ verbunden. In Letschin, Klessin, Kienitz und Sonnenburg wurden dafür bereits die vom Studio des Architekten Daniel Libeskind entworfenen „Vectors of Memory“ installiert, die den „Liberation Route-Wanderweg“ markieren.

Erinnerung an die Gefallenen steht in Seelow im Mittelpunkt der Veranstaltung zum 80. Jahrestag der Schlacht: Die Erfüllung dieser Aufgabe hat in Seelow bereits eine lange Tradition, mit der sich die Seelower auch immer wieder kritisch auseinandersetzen, wie Landrat Gernot Schmidt und Bürgermeister Robert Nitz betonen.

Die Erinnerung an die Gefallenen steht in Seelow im Mittelpunkt der Veranstaltung zum 80. Jahrestag der Schlacht: Die Erfüllung dieser Aufgabe hat in Seelow bereits eine lange Tradition, mit der sich die Seelower immer wieder auch kritisch auseinandersetzen, wie Landrat Gernot Schmidt und Bürgermeister Robert Nitz betonen.

Ulf Grieger

In Seelow werden am 16. April gleich zwei solcher Vectoren übergeben. Zum einen um 9.30 Uhr zur Eröffnung der Geschichtsstation Seelow im alten Bahnhofsgebäude der Kreisstadt. Und zum anderen um 11 Uhr im Rahmen der Kranzniederlegung und des Stillen Gedenkens an der Gedenkstätte Seelower Höhen. Zudem wird dort auch eine Gedenktafel mit den Namen gefallener sowjetischer Soldaten angebracht. Dort, wie auch um 12.30 Uhr am deutschen Soldatenfriedhof auf dem Seelower Stadtfriedhof wird Seelows Pfarrerin Josefine Soltau ein Gebet sprechen. Alle drei Veranstaltungen in Seelow dienen dem Gedenken an die Opfer der Schlacht und an die Schrecken des Krieges. Alle Interessierten sind von den beiden Veranstaltern, dem Kreis und der Stadt, herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.

Zeitzeugen erinnern an Schlacht um die Seelower Höhen

Seelows Stadthistoriker Michael Schimmel hat umfangreich zu den Ereignissen vor 80 Jahren recherchiert. Er hat Zeitzeugenberichte gesammelt, die ein Bild vermitteln: Im Morgengrauen des 16. Aprils 1945, um 3.50 Uhr, begann die Offensive auf die Seelower Höhen. Mit der Unterstützung von 143 sowjetischen Flakscheinwerfern und 9000 Geschützen und Granatwerfern, stürmten die Russen auf die Seelower Höhen. Dazu griffen über 100 Bomber die hinteren Stellungen an. Der erste Feuersturm hielt bis um 6 Uhr früh an.

Ausstellung in der Gedenkstätte Seelower Höhen: Die 2012 gestaltete Exposition nimmt auch Stellung zum ideologisch geprägten Gedenken während der DDR-Zeit. Die Schlacht selbst kommt dabei aber etwas zu kurz.

Ausstellung in der Gedenkstätte Seelower Höhen: Die 2012 gestaltete Exposition nimmt auch Stellung zum ideologisch geprägten Gedenken während der DDR-Zeit. Die Schlacht selbst kommt dabei aber etwas zu kurz.

Ulf Grieger

Schimmel zitiert dazu den ehemaligen Leutnant Tams: „Der Feuerorkan griff auf die Seelower Höhen über. Es schien, als ob die Erde wie eine dichte Wand in den Himmel aufragte. Um uns fing alles an zu tanzen und zu scheppern. Was nicht niet- und nagelfest war, fiel von den Tischen, Borden und Schränken. Die Bilder rauschten krachend an den Wänden herunter und zerschellten auf den Fußböden. Sämtliche Scheiben zersprangen aus den Fensterrahmen. Wir kauten nach kurzer Zeit alle auf Sand, Dreck und Glassplittern herum. So etwas hatten wir bis dahin noch nicht erlebt und auch nicht für möglich gehalten. Es gab kein Entrinnen. Die größte Artilleriemassierung der Zeitgeschichte befand sich unmittelbar vor uns. Wir hatten den Eindruck, dass jeder Quadratmeter Erde umgepflügt würde.

Nach zwei bis drei Stunden hörte das Trommelfeuer unvermittelt auf. Vorsichtig riskierten wir einen Blick über den Höhenrand in die Oderniederung hinein, und was wir sahen, ließ das Blut gerinnen; eine einzige Welle schwerer Panzer, so weit wir im grauen Dämmerlicht sehen konnten. Die Luft war vom Lärm der Motoren und Kettengeräuschen ausgefüllt. Als die erste Reihe näher an uns herangekommen war, entdeckten wir dahinter eine zweite und dann Schwärme von laufenden Infanteristen.“

Der Befehlshaber des Seelower Volkssturmes war der SA-Obersturmführer und Lehrer Max Tschentke aus Neu-Langsow. Im Spring (das Gebiet nördlich vom Bahnhof) erhielten die Männer des Seelower Volkssturmes durch erfahrene Unteroffiziere und Feldwebel kurze Unterweisungen für den Umgang mit den Waffen und kleinere Gefechtsübungen wurden dort durchgeführt.

Der Seelower Bürger Otto Kochan beschreibt in seinen Erinnerungen, wie folgt seinen Eindruck über den Volkssturm: „Es war anfangs ein lächerliches Bild, dass sich allen bot. Greise, kranke Männer und Jungen waren nun das letzte Aufgebot des Führers und sie sollten den Endsieg für Führer, Volk und Vaterland erringen.“