Bundestagswahl 2025
: Jugend wählt bei U18-Wahl links – nur nicht in Brandenburg

Bei der U18-Bundestagswahl haben Jugendliche ihre Stimme abgeben dürfen. Wahlsieger ist die Linke, zumindest deutschlandweit. In Brandenburg sieht das Ergebnis anders aus.
Von
Bodo Baumert,
Jakob Kerry
Potsdam
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U18-Bundestagswahl: ARCHIV - 15.09.2017, Bayern, Ustersbach: Angelina gibt bei der Jugendwahl U18 ihre Stimme ab. (zu dpa: «SPD und Linke stark bei Minderjährigen im Nordwesten») Foto: Stefan Puchner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Bei der U18-Bundestagswahl dürfen die wählen, die am 23. Februar 2025 noch zu jung sind: Jugendliche unter 18 Jahren. Ginge es nach ihnen, würde der nächste Bundestag wohl ganz anders aussehen.

Stefan Puchner/dpa

20,8 Prozent für die Linke, 17,9 Prozent für die SPD, erst dahinter CDU und AfD bei etwa 15 Prozent, gefolgt von den Grünen mit 12,5 Prozent. So könnte der nächste Bundestag aussehen, wenn nur Wähler unter 18 Jahren abstimmen dürften.

Zumindest lautet so das Ergebnis der U18-Wahl, die vom 7. bis 14. Februar 2025 als bundesweites Projekt zur politischen Bildung durchgeführt wurde. 166.443 Kinder und Jugendliche haben dabei ihre Stimme abgegeben. Und ginge es nach ihnen, dann müsste die Linkspartei sehr schnell einen eigenen Kanzlerkandidaten suchen. Denn sie könnte gemeinsam mit SPD und Grünen die nächste Bundesregierung stellen. Eine linke Mehrheit, die angesichts der aktuellen Umfragen bei den erwachsenen Wählern kaum vorstellbar scheint. Dort ist offen, ob es die Linke überhaupt über die Fünf-Prozent-Hürde schafft.

Betrachtet man sich das Ergebnis der U18-Wahl genauer, dann fällt auf, dass es deutschlandweit große Unterschiede gibt. Im Osten ist durchgehend die AfD stärkste Kraft. Am deutlichsten fällt ihr Ergebnis in Brandenburg aus.

U18-Bundestagswahl: So stimmt die Jugend in Brandenburg ab

In Brandenburg kommt die AfD bei der U18-Wahl auf 35,6 Prozent der Stimmen, gefolgt von der Linken mit 17,9 und der SPD mit 14,8 Prozent. Die CDU holt 9,8 Prozent, BSW und Grüne holen jeweils sieben Prozent. Abgestimmt haben in Brandenburg rund 5000 Kinder und Jugendliche.

Dass es vor allem die extremen Ränder des Parteienspektrums sind, die bei den Jugendlichen im Osten auf Interesse stoßen, überrascht Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung nicht. Viele junge Menschen in Deutschland fühlten sich nicht von der Politik vertreten. „Sie haben sogar das Gefühl, die Politik arbeitet gegen sie oder nimmt sie gar nicht erst wahr“, so der Generationenforscher.

Themen, die jugendlichen Menschen wichtig seien, fänden in der politischen Diskussion kaum statt. Das sagt auch Samuel Koch, Schüler in Eberswalde. Die Entwicklung des Schulsystems und der Klimawandel wären vorrangig. „Das sind Themen, die schnell angegangen werden müssen“, sagt der 16-Jährige. Gesprochen werde darüber im Wahlkampf aber kaum.

U18-Wahl in Brandenburg: Warum wählen so viele Jugendliche rechts?

Warum aber wählen so viele junge Menschen in Ostdeutschlands eine rechte Partei wie die AfD? Viele Jugendliche hätten ihr Hauptwissen über die Politik aus sozialen Netzwerken, sagt Forscher Rüdiger Maas. Dort spreche aber fast nur die AfD die Sprache der jungen Menschen, wodurch ein Ungleichgewicht entstehe.

Andere Parteien müssten versuchen, komplexe Themen herunterzubrechen, findet der Generationenforscher. Langweilige Themen könnten mehr emotionalisiert werden. „Wenn ich die Jungen erreichen will, dann muss ich mir ein Stück mehr Mühe geben, als es momentan der Fall ist“, so Maas.

Auch die 2024 durchgeführte Shell-Jugendstudie weist ein stärkeres Interesse junger Menschen zwischen 15 und 25 Jahren für rechte Themen und Parteien aus. Ein Grund aus Sicht der Studienautoren: Junge Menschen treiben vor allem im Osten viele Ängste um: vor einem Krieg in Europa, vor Armut und Umweltverschmutzung. Viele bezeichnen sich laut Studie als „verdrossen“.

U18-Wahl: FDP, BSW, Volt und Grüne finden wenig Anklang

Bei welchen Parteien haben die Jugendlichen das Gefühl, mit ihren Sorgen wahrgenommen zu werden? Die U18-Wahl zeigt da eine deutliche Spaltung. Die einen wenden sich ins linke Spektrum, die anderen nach rechts.

Auffällig: FDP, BSW oder auch der auf eine junge Ansprache setzenden neuen Partei Volt trauen die Jungwähler offenbar keine Lösung ihrer Probleme zu. Auch die Grünen, die bei früheren Wahlen vor allem bei jungen Wählern stark waren, kommen bei der diesjährigen U18-Wahl nicht über die 12 bis 13 Prozent, die ihnen Umfragen auch bei den Wählern über 18 zutrauen.

Extreme Jugend: Droht eine Spaltung?

Führt das Driften der Jugend Richtung rechts und links nun zu neuen Konflikten innerhalb der Generation? Forscher Maas verneint: Eine Spaltung, etwa auf Schulhöfen, beobachte er nicht. Im Gegenteil: „Junge Menschen, die jetzt AfD wählen und welche, die jetzt zum Beispiel Linkspartei, BSW oder CDU wählen, die verstehen sich. Das ist völlig neu.“

Vor 10 oder 15 Jahren habe es eher Feindschaften zwischen extrem rechts und extrem links gegeben. „Heute hat man so eine ganz komische Art von Toleranz in beide Richtungen“, sagte Maas. Dabei würden sich junge AfD-Wähler selbst eher in der Mitte verordnen.

Bundestagswahl: Wahlalter auf 16 Jahre absenken?

Was folgt aus dem Ergebnis der U18-Wahl? Sollte das Wahlalter bei der Bundestagswahl ähnlich wie bei anderen Wahlen herabgesetzt werden? Schüler Samuel Koch ist dafür: „Man kann ja schon mit 16 Jahren selbständig denken und sich eine eigene Meinung bilden“. Auf anderen Gebieten traue man Jugendlichen ja auch eine eigene Entscheidung zu: „Wenn man ab 16 überall legal Alkohol kaufen oder heiraten darf – mit einer Einverständniserklärung der Eltern–, dann sollte man auch wählen dürfen“, sagt der 16-jährige Brandenburger.

Ähnlich sieht das Wendelin Haag, Vorsitzender des Deutschen Bundesjugendrings, der die U18-Wahl mitorganisiert: „Das Ergebnis zeigt, dass Jugendliche sich politisch an Wahlen beteiligen wollen, dazu fähig sind und endlich auf allen Ebenen regulär wählen dürfen sollten.“ (mit dpa)