DDR-Geschichte in Berlin: Vom Gefangenen zum Geehrten – Orden für Ex-Stasi-Häftling

Michael Brack führt regelmäßig durch das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, in dem er selbst inhaftiert war. Für sein Engagement wird er nun vom Bundespräsidenten ausgezeichnet.
Montage: Jörn Sandner/MOZ/Quelle dpa/Sebastian Gollnow- Michael Brack erhält 2025 das Bundesverdienstkreuz für sein gesellschaftspolitisches Engagement.
- Der 76-Jährige war DDR-Stasi-Häftling und setzt sich als Zeitzeuge für die Aufarbeitung der SED-Diktatur ein.
- 1969 wurde er wegen Protestsprüchen gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings inhaftiert.
- Heute führt er Besucher durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen und hält Vorträge.
- Brack war Bürgermeister, engagiert sich kulturell und bleibt ein gefragter Experte für Zeitgeschichte.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Fast jedes Wochenende führt Michael Brack Besucher durch das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Seine Berichte von seelischer Folter, Schlafentzug und totaler Isolation in dem berüchtigten Stasi-Knast gehen unter die Haut. Das liegt auch daran, dass der 76-Jährige das alles selbst erlebt hat.
In den vergangenen Jahren ist aus dem ehemaligen Stasi-Opfer ein Botschafter geworden, ein Bewahrer der Geschichte, der auch noch im 35. Jahr der Deutschen Einheit eindrücklich an das Unrecht in der DDR-Diktatur erinnert und so auch den Nachgeborenen den Wert von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit vermittelt.
Zeitzeuge Michael Brack – Einladung nach Prag
Für sein gesellschaftspolitisches Engagement bekommt Michael Brack nun das Bundesverdienstkreuz verliehen. „Als ich die Einladung in meinem Briefkasten fand, war ich erstmal geschockt“, gesteht der Brandenburger. Positiv geschockt. „Es ist eine unheimliche Genugtuung, wenn man in der DDR ausgegrenzt wurde und dann in diesem neuen Land eine solche Auszeichnung bekommt.“
Brack ist gerade erst aus Prag zurückgekehrt. Dort wurde mit einer Gedenkveranstaltung an die Ereignisse des Prager Frühlings 1968 erinnert. Der Verein „Paměť národa“ (Gedächtnis der Nation) hatte ihn als Redner eingeladen. Ein tschechischer Student hatte den gebürtigen Berliner bei einer Führung in Hohenschönhausen erlebt und ihn als Zeitzeugen empfohlen.
In Prag sollte der Deutsche erzählen, warum er als junger Mann im damaligen Ost-Berlin verhaftet wurde. Als Reaktion auf die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings hatte er als 21-Jähriger mit einem Freund die Losung „Es lebe Dubček“ an Hauswände rund um den Bahnhof Ostkreuz gepinselt.
Mit der Botschaft wollte er seine Solidarität mit dem Chef der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei Alexander Dubček bekunden, der den Sozialismus liberalisieren wollte, indem er unter anderem mehr Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit ermöglichte.
Erst ein Jahr später denunziert
Seine Reformbewegung wurde von der Sowjetunion und anderen osteuropäischen Ländern im August 1968 durch einen militärischen Einmarsch gewaltsam beendet. Am 21. August 1968 eröffnete unter anderem ein sowjetisches Spezialkommando von einem Schützenpanzerwagen aus das Feuer auf Demonstranten, Panzer walzten Gebäude und Menschen nieder. Etwa 150 Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden verletzt.
Auf der Veranstaltung „NeverMore 68“ zum 57. Jahrestag auf dem Prager Messegelände erfährt aber auch Brack selbst noch einmal Neues über das historische Ereignis, dessen Bilder damals um die Welt gingen. „Wissenschaftler berichteten, dass in Ost-Berlin rund 1000 Vorkommnisse im Zusammenhang mit dem Prager Frühling registriert wurden“, erzählt er.
Für seine Meinungsäußerung an fünf Häuserwänden wurde Brack erst 1969 verhaftet. Ein Bekannter hatte ihn denunziert, wie er erst später aus seinen Stasi-Akten erfuhr. Auch in Prag erzählt er von den täglich bis zu acht Stunden dauernden Verhören, von der Vereinsamung in der Zelle, die nur mit einem Fäkalienkübel ausgestattet war, von den psychischen und physischen Folgen des systematischen Schlafentzugs.
DDR-Gefängnis – Trauma und Schikanen
Doch auf die Frage aus dem tschechischen Publikum, ob er seine damalige Protest-Aktion heute bereue, antwortet Brack mit einem entschiedenen „Nein.“
Am Ende kommt eine alte Frau auf ihn zu, deren Sohn bei der Niederschlagung des Prager Frühlings ums Leben kam, und umarmt ihn. „Das war schon sehr bewegend“, erzählt Brack. „Es scheint mir, als ob sich der Ring meines Lebensweges geschlossen hat.“
Er selbst bezahlte seine Meinungsäußerung zwar nicht mit dem Leben, musste aber nach dem traumatisierenden dreimonatigen Gefängnis-Aufenthalt viele Jahre weiter mit Schikanen leben.
Weil er in der DDR nicht wie gewollt studieren konnte, musste er sich teilweise als Hilfsarbeiter auf Friedhöfen, Güterbahnhöfen und Theaterbühnen verdingen, bis er eine Ausbildung beim Puppentheater Magdeburg ergatterte. Jahre später bekam er eine Stelle in der Veranstaltungsabteilung der Akademie der Künste.
Nach der Wende zum Bürgermeister in Hartmannsdorf gewählt
Wegen seiner großen Liebe, mit der er heute noch zusammenlebt, stellte er keinen Ausreiseantrag. Erst nach der Wende konnte der Mitbegründer des Neuen Forums so etwas wie eine berufliche Kariere starten.
Bei der ersten freien Kommunalwahl wurde Brack zum Bürgermeister in Hartmannsdorf (Landkreis Oder-Spree) gewählt. Er amtierte bis 1998 und studierte parallel dazu Verwaltungsrecht. Von 2002 bis 2009 war er Geschäftsführer der Kulturgießerei in Schöneiche bei Berlin.
Seit 2016 führt er Besucher durch die dunklen, kargen Haftzellen und Verhörräume der ehemaligen Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Berlin. Wenn es zu bedrückend wird, lockert er die drastischen Beschreibungen mit einem ironischen Spruch auf. Seit 2018 wird er auch als Zeitzeuge in Schulen und Bildungseinrichtungen geladen.
Auf Bracks Initiative hin hat sich am 2. September 2025 der Freundeskreis der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen offiziell gegründet. „Der Verein soll dabei helfen, in der Gedenkstätte selbst regelmäßig Diskussionsrunden, Lesungen und Filmvorführungen zu organisieren“, erklärt Brack.
Viel gebuchter DDR-Zeitzeuge
Das sieht auch die neue Vorsitzende des Freundeskreises, Linda Teuteberg, so. „Mit wachsendem zeitlichen Abstand steigt die Gefahr, die SED-Diktatur zu verharmlosen. Die Erinnerung an ihr Unrecht wird immer wichtiger – und zugleich erklärungsbedürftiger“, sagt die FDP-Politikerin.
Brack, selbst noch aktives Mitglied der Bündnisgrünen in Oder-Spree, der mit seiner Frau, einer Künstlerin, am Rand von Fürstenwalde lebt, hat sich lieber nur zum Beisitzer des Freundeskreises wählen lassen. „Mehr wäre mir auch aus Altersgründen zu viel. Da gibt es genug andere gute Leute.“
Doch seine Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen, hat sich inzwischen herumgesprochen. Ende 2023 wurde Brack zu einer Konferenz über die Menschenrechtslage in Nordkorea nach Seoul eingeladen, nachdem der südkoreanische Minister für Wiedervereinigung, Kim Young-ho, ihn bei einer Führung in Hohenschönhausen erlebt hatte.
Am 23. September 2025 wird der DDR-Zeitzeuge in der Potsdamer Gewölbehalle auf dem Podium der neuen Veranstaltungsreihe „Politische Kultur" (19 Uhr) der Heinrich Böll-Stiftung sitzen und mit dem Schriftsteller Marko Martin („Freiheitsaufgaben“) über gesellschaftliche Werte diskutieren.
Große Ehrung in Berlin
Das Bundesverdienstkreuz wird Michael Brack am 1. Oktober 2025 im Schloss Bellevue in Berlin überreicht. Gibt es auch eine Botschaft, die er dem Bundespräsidenten mitteilen will, wenn er ihm die Hand schüttelt? „Ich werde ihn einfach zu einer Führung nach Hohenschönhausen einladen“, sagt Brack.
Wenn er auf die jüngsten Ereignisse wie die Einladung aus Prag zurückschaut, dann sei er auf jeden Fall zufriedener geworden. „Ich weiß jetzt, dass mein Leben nicht ohne Sinn war und sein wird.“




