Palast der Republik in Berlin: Architekt lüftet Geheimnisse um Spiegelfassade

Der 1976 eröffnete Palast der Republik in Ost-Berlin war besonders für seine kupferfarbene Fassade bekannt, die bei Sonnenschein leuchtete. Heute ist er abgerissen.
Wolfgang Kumm/dpa- Palast der Republik: Fassade inspiriert vom Stuttgarter Landtag, Goldbeschichtung als Sonnenschutz.
- Beim Einbau verzerrten Thermoscheiben die Spiegelung – Baustopp, dann Politbüro-Genehmigung.
- Eröffnung nach drei Jahren Bauzeit: Volkshaus und Parlament mit großem Mehrzwecksaal.
- Beliebt bis zur Schließung im September 1990 wegen Asbest; später Abriss und Debatten ums Erbe.
- Zeitzeugen schildern Bühnenbetrieb, Subventionen und ambivalente Erinnerungen an den Ort.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der Palast der Republik, der vor 50 Jahren eröffnet und vor 20 Jahren wieder abgerissen wurde, scheint bis heute in der Erinnerung vieler Ostdeutscher zu leben. Egal, ob man selbst drin war oder nicht: Präsent ist noch fast jedem, der zu den Glanzzeiten des Palastes durch die historische Mitte von Berlin schlenderte, die imposante Spiegelfassade.
„Ich habe mir die Anregung dafür im Westen geholt, das weiß bis heute kaum jemand“, sagt Dieter Bankert, der die Fassade zu verantworten hat. Der Architekt der DDR-Bauakademie hatte kurz vor dem Mauerbau illegal an einer von West-Berliner Studenten organisierten Reise teilgenommen. „Unter anderem machten wir eine Exkursion zum neuen Landtag in Stuttgart, der 1961 eingeweiht wurde“.
Der erste Parlamentsneubau in der Bundesrepublik nach Ende des Zweiten Weltkrieges zeichnet sich durch kupferfarbene Glasfronten aus. „Das war eigentlich eine Goldbeschichtung, die hauptsächlich als Sonnenschutz gedacht war“, erklärt Bankert.
Zerrspiegel am Palast der Republik
Als er und seine Kollegen fast 15 Jahre später in Ost-Berlin die Wirkung des ersten Fassadenteils von der Dom-Seite aus begutachteten, habe es einen Aufschrei gegeben. Denn die Thermoscheiben, in denen sich die Hauptstadt der DDR spiegeln sollte, verzerrten das Bild, ähnlich wie Spiegel auf dem Jahrmarkt. Man fühlte sich verschaukelt und hatte Angst, zur Lachnummer zu werden. Baustopp.
„Die belgische Firma, von der das Material geliefert wurde, gestand, dass die Reklame-Fotos auf ihren Werbeprospekten gefakt waren“, erinnert sich der Architekt, der heute in Dessau lebt. Von da an sei die Verzerrung „als technischer Fehler“ in Kauf genommen worden. Das Politbüro gab Grünes Licht.
Als der Palast am 23. April 1976 nach drei Jahren Bauzeit eröffnete, erhielt das Zentrum von Ost-Berlin, wo seit der Sprengung des kriegsbeschädigten Stadtschlosses im Jahr 1949 eine Lücke klaffte, ein neues Wahrzeichen. Man könnte auch sagen, eine kultige Kunst- und Begegnungsstätte und einen teuren Vorzeigebau, der der DDR internationalen Respekt und dem Volk Amüsement verschaffen sollte.
„Der Palast zeugt beeindruckend von der Leistungskraft unserer sozialistischen Gesellschaft, von unserer sozialistischen Nationalkultur, vom Sinn unserer Arbeit, die dem Wohl des Menschen dient“, betonte DDR-Staatschef Erich Honecker in seiner Eröffnungsrede.

Dieter Bankert (r.) mit Architekten-Kollegen im Jahr 1974 vor der Baustelle des Palast der Republik in Berlin.
Architv Dieter Bankert„Das Besondere war, dass der Palast so etwas wie ein Hybridbau war“, findet Bankert. Eine Mischung aus Volkshaus und Parlamentssitz. Den Hut dafür hatte das Institut für Kulturbauten auf, das in der DDR. Der Saal der Volkskammer mit 787 Plätzen war deutlich kleiner als der Mehrzwecksaal im südlichen Gebäudeflügel, in dem für „den Frieden gerockt wurde“ und aus dem auch die DDR-TV-Show „Ein Kessel Buntes“ gesendet wurde.
Im großen Multifunktions-Saal gab es politische Veranstaltungen mit bis zu 5000 Gästen. „Nach den Reden konnte man die Ränge hochklappen“, berichtet der 87-jährige Architekt. „Man hat die Leute rausgeschickt, und nach 20 Minuten war der Raum für ein Bankett mit Tanzveranstaltung für einen inneren Kreis von rund 500 Leuten umgebaut.“
Drehbare Tanzfläche im Jugendtreff
Der Rest konnte im Foyer, in den Bars oder in der Bowlingbahn weiterfeiern. Ein besonderes Ambiente habe der Jugendtreff mit seiner drehbaren Tanzfläche ausgestrahlt. „Durch die hohen Scheiben hat man draußen die Dampfer auf der Spree fahren sehen.“
Wenn die Lichter in „Erichs Lampenladen“ angeknipst wurden, spiegelte sich der Palast im Wasser und wurde plötzlich transparent. „Von draußen sah man die Menschen durch das Foyer laufen, das war schon fantastisch“, sagt Bankert.
Dabei wollte er lieber eine lineare und indirekte Beleuchtung in einer dynamisch geformten Unterdecke. „Das wäre moderner gewesen - aber da war die Zeit knapp geworden und der Wille schwach.“ Seine Kollegen vom Ingenieurhochbau Berlin setzten sich mit den berühmten unzähligen Kugelleuchten durch.
Der Beliebtheit des Palastes tat das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Bis zur Schließung im September 1990 wurden offiziell fast siebzig Millionen Gäste gezählt.

Blick in den großen Saal des Palastes der Republik in Berlin 1982. Er bot 5000 Menschen Platz und konnte für Veranstaltungen flexibel umgebaut werden.
IMAGO/imago„Es gab immer guten Kaffee und Kuchen“, sagt Bankert. „Aber wir wussten auch, dass viele Mitarbeiter bei der Stasi waren und man die gastronomischen Einrichtungen auch nutzte, um Menschen auszuspionieren oder ihre politische Gesinnung zu durchleuchten.“
Doch viele genossen es einfach, über die weite Freitreppe zu schlendern, Blumen und Gemälde anzuschauen. In den Läden gab es Schmuck aus dem Erzgebirge. In den großen Restaurants wurde flambiert und tranchiert, aber um hineinzukommen, musste man lange warten oder gute Beziehungen haben. Dafür gab es Qualität zu günstigen Preisen, denn das Haus wurde großzügig subventioniert.
Wo einst der Palast stand, steht heute das Humboldt Forum im Gewand des historischen Stadtschlosses. Das Weltenmuseum hat für die Ausstellung „Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart" Stimmen von Zeitzeugen gesammelt.
Vera Langer, damals Betriebsschwester, erinnert sich unter anderem an französische und japanische Kinderchöre mit hundert Kindern, die bei den Generalproben mehrere Stunden auf der Bühne stramm stehen mussten. „Da sind die abgekippt wie die Fliegen.“
Palast mit eigenem Sanitätsdienst
Dann kamen die Kinder zu ihr in die Sanitätsstelle. „Da weiß ich noch, das war eine Situation, da lagen mehrere Kinder. Und dann habe ich immer gedacht: Oh Gott, wie kriegst du die denn jetzt wieder auf die Beine?“, erinnert sich Langner.
Gleiches habe für manche Prima Ballerina der großen russischen Balletts gegolten. Auch Schauspielern wurde schon mal flau im Magen. Die konnte man regelmäßig im Palast antreffen. Pierre Sanoussi-Bliss, Matthias Freihof und Walter Plathe spielten dort ihre Programme.
West-Sänger wie Udo Lindenberg und Katja Epstein gaben Konzerte. Der Palast sei, was die Bühnenbedingungen betraf, schon eine Ausnahme gewesen, erinnert sich Ritchie Barton, Keyboarder der Ost-Band Silly, für die Ausstellung.
„Ich kann aus heutiger Perspektive sagen, dass auch alles im Backstage Bereich schwerst international war. Das kann man gar nicht anders sagen. Also, wenn es nicht die DDR gewesen wäre, die dem vorstand, dann hätte man gedacht, man ist in New York oder irgendwo (….).“
Das Buch „Hin und weg. Der Palast der Republik ist Gegenwart“, in dem der Sänger zu Wort kommt, betrachtet den Palast als gesamtdeutsches Thema. Denn im Volkskammersaal votierte das erste freigewählte Parlament der DDR am 23. August 1990 für die Wiedervereinigung Deutschlands.

Dieter Bankert in seinem Atelier-Wohnhaus in Dessau. Der 87-Jährige gehörte von 1973 bis 1976 zu einem Architektenkollektiv, das den Palast der Republik in Berlin plante und realisierte.
Anne-Barbara SommerDoch die Türen schlossen sich am 19. September 1990 zum letzten Mal, weil ein von der letzten DDR-Regierung in Auftrag gegebenes Gutachten eine gesundheitsgefährdende Asbestbelastung festgestellt hatte.
Asbest im Palast der Republik
Der erste frei gewählte und zugleich letzte Ministerpräsident der DDR, Lothar de Maizière, erinnerte sich in einem Expertengespräch im Humboldt Forum 2016, wie damals der SPD-Vorsitzende Wolfgang Thierse zu ihm gekommen sei und erklärt habe, die SPD habe die Absicht, im Palast ihren Einigungsparteitag der Ost- und West-SPD zu feiern.
„Da habe ich ihm gesagt: „Ja, das können Sie gerne machen, aber Sie müssen wissen, ich habe dieses Gutachten und ich möchte nicht derjenige sein, der die gesamte deutsche Sozialdemokratie weggerafft hat, indem ich das genehmigt habe“.
Thierse sei mit diesem Wissen zum Bundesvorstand der SPD gegangen, alles sei in die Presse gelangt „und wir waren quasi gezwungen, den Palast zuzumachen.“
Danach verfiel der Bau und wurde über die Jahre zum Gerippe aus Stahlträgern und Beton. Für viele wurde er so zum Symbol für den Umgang mit dem Ostdeutschen Erbe. Im Januar 2006 lehnte der Deutsche Bundestag einen Antrag zum Erhalt mit großer Mehrheit ab. Wenige Monate später begann der Abriss.

Der baden-württembergische Landtag in der Innenstadt von Stuttgart aus dem Jahre 1961 inspierierte DDR-Architekt Dieter Bankert für die Fassade des Palastes der Republik.
picture allianc/Bernd WeißbrodDem verschwundenen Ort nähert sich der Band „Hin und weg“ heute mit atmosphärischen Bildstrecken und vielschichtigen Essays. Zu Wort kommen in den Interviews auch ganz normale Besucher wie Judith Enders. „Ich erinnere mich noch, wie sie das Innere des Emblems am Palast abgebaut haben, den Hammer und den Zirkel, sodass nur noch der Ährenkranz da hing. Das fand ich damals schon übergriffig“, erzählt die Zeitzeugin.
„Ich dachte mir: Das arme Gebäude, das hat sich immer so eine Mühe gegeben, nett zu sein. Dies war meine kindliche Wahrnehmung. Dieses Gebäude wollte irgendwas für alle, auch wenn es vielleicht nicht immer geklappt hat.“ Sie habe den Abriss als „Dominanzgeste gegenüber der Identität der Ostdeutschen“, empfunden. „Man konnte da eine positive oder auch eine negative Identifikation mit dem Palast gehabt haben, aber in jedem Fall hatte man eine“, sagt die Berlinerin.




