Schule in Berlin
: Sind die Akten zum Fall des diskriminierten Lehrers unvollständig?

Bei der Akteneinsicht zum Fall des gemobbten schwulen Lehrers Oziel Inácio-Stech in Berlin werden Fehler in Beschwerde-Struktur der Bildungsverwaltung bestätigt. Das Opfer beklagt fehlende Unterlagen.
Von
Maria Neuendorff
Berlin
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Carl-Bolle-Grundschule in Berlin: ARCHIV - 04.06.2025, Berlin: Ein Schild am Eingang zur 8. Grundschule beziehungsweise Carl-Bolle-Grundschule in Moabit. (zu dpa: «Mobbing gegen Lehrer? - Abgeordnete wollen Akteneinsicht») Foto: Soeren Stache/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

In der Carl-Bolle-Grundschule in Berlin-Moabit sollen Kinder einen schwulen Lehrer beschimpft und bedroht haben. Nun durften Opfer und Abgeordnete erstmals die Akten einsehen.

Sören Stache/dpa
  • Ein Berliner Lehrer berichtet über Mobbing und Drohungen nach seinem Outing als homosexuell.
  • Schüler beleidigten ihn, Verwaltung und Schulleitung boten laut Lehrer kaum Unterstützung.
  • Akteneinsicht zeigte fehlende Dokumente und bestätigte Probleme in Beschwerde-Strukturen.
  • Verfahren gegen den Lehrer wegen falscher Vorwürfe wurden eingestellt.
  • Bildungsverwaltung plant Reform der Beschwerdeprozesse.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Vier Stunden bekamen die Berliner Abgeordneten am Montag (30.6.) Zeit, um mehrere hundert Seiten Akten des bundesweit diskutierten Falles des homosexuellen Berliner Grundschullehrers Oziel Inácio-Stech einzusehen, der nach eigenen Angaben monatelang angefeindet und gemobbt wurde.

Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch hatte zuvor gesagt, der Fall sei sehr komplex und durch die Medien aufgebauscht. „Ihre Aussagen im Plenum und im Bildungsausschuss, dass es eine große Diskrepanz zwischen Berichterstattung und Aktenlage gebe, können wir überhaupt nicht bestätigen“, betonte Marcel Hopp, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, am Dienstag. „Natürlich ist es ein komplexer Fall, aber der rote Faden, an dem die Medien ihn aufgerollt haben, trifft gut zu.“

Schule in Berlin – Lehrer spricht von Opfer-Täter-Umkehr

Trotzdem wiederholte Günther-Wünsch am Montagabend nochmal ihre Aussagen in etwas abgeänderter Form: „Es stehen gegenseitige Mobbingvorwürfe, beidseitige Vorwürfe unangemessenen Verhaltens und zahlreiche Stellungnahmen von Beteiligten - und auch Unbeteiligten - im Raum. Die Aktenlage ist hochkomplex und nicht auf einfache Schuldzuweisungen reduzierbar“, schrieb sie in einer Mitteilung.

Der betroffene Lehrer empfindet diese Sätze als einen erneuten Affront. „Die Senatorin unterstellt in ihrem Pressestatement jedenfalls mittelbar, dass an den Missbrauchsvorwürfen, die gegen mich im letzten Jahr fälschlicherweise geäußert wurden, etwas dran sein könnte. Sie spricht von gegenseitigem Fehlverhalten und gegenseitigem Mobbing, was soll damit gemeint sein?“, fragt Oziel Inácio-Stech und spricht von erneuter „Opfer-Täter-Umkehr.“

Der homosexuelle Lehrer, der an der Carl-Bolle-Grundschule in Moabit seit mehr als acht Jahren als pädagogische Unterrichtshilfe beschäftigt ist, wurde nach seinem Outing 2023 von Schülern aus muslimischen Familien immer wieder beschimpft, beleidigt und bedroht. Unter anderem wurde er als „unrein“, „ekelhaft“ und „Familienschande“ bezeichnet.

Der 43-jährige Inklusionslehrer kritisiert aber vor allem Schulleitung, Schulaufsicht und Bildungsverwaltung wegen mangelnder Unterstützung. Anstatt Hilfe zu bekommen, sei er nach schulinternen Gesprächen ab dem Frühjahr 2024 selbst immer mehr ins Kreuzfeuer geraten.

Mobbing an Schule in Berlin – Vorwurf der Befangenheit

Unter anderem war ihm durch eine Kollegin unterstellt worden, Kindern „zu nahe“ gekommen zu sein. Des Weiteren stellte der Konrektor der Schule eine Anzeige wegen der Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht. Doch die Kinder entlasteten ihren Lehrer, die Verfahren wurden eingestellt.

Seine Beschwerde nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, die im Dezember 2024 direkt an die Senatorin ging, wurde von dieser wieder an den Referatsleiter der Schulaufsicht zurückgeschickt, dem von Inácio-Stechs Anwalt darin Untätigkeit sowie Befangenheit vorgeworfen wurde. Der Referatsleiter sollte selbst über die Beschwerde und seine eigene Befangenheit urteilen. Beides wies er im Januar zurück.

In seiner Verzweiflung wandte sich der Lehrer an unsere Redaktion, die im Februar einen ersten Artikel über den Fall veröffentlichte. Als Medien deutschlandweit über die Missstände an der Moabiter Grundschule berichteten, reagierte auch die Bildungsverwaltung, die sich monatelang zu Personalien nicht öffentlich äußern wollte.

Nach der Akteneinsicht der Abgeordneten am Montag kündigte nun auch die Bildungssenatorin eine Überarbeitung der Beschwerde-Strukturen an. „Insbesondere muss eine zentrale Kontrollinstanz geschaffen werden“, so Günther-Wünsch.

Mutmaßliches Mobbing-Opfer prangert „Systemversagen“ an: PRODUKTION - 26.05.2025, Berlin: Oziel Inacio-Stech, mutmaßliches Mobbing-Opfer, spricht während eines Interviews. Der Lehrer berichtet öffentlich über Mobbing durch Schüler und eine Kollegin. (zu dpa: «Staatssekretär sieht «Ansätze von strukturellem Versagen»») Foto: Hannes P Albert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Oziel Inacio-Stech, der unter anderem an Panikattacken leidet und derzeit krankgeschrieben ist, berichtet öffentlich über Mobbing durch Schüler und einer Kollegin.

Hannes P Albert/dpa

„Wir werden dranbleiben und schauen, dass das keine warmen Worte bleiben“, sagt Marcel Hopp von der SPD. Der Fall Inácio-Stech würde nur Probleme aufzeigen, die schon lange existierten. „Wir diskutieren schon seit Jahren über eine unabhängige Beschwerdestelle, die am Parlament angedockt ist.“ Dass Diskriminierung an Schulen zu den großen Baustellen gehöre, sehe er auch an seinem eigenen Postfach, das voll mit Mails von Eltern und Lehrkräften mit ähnlichen Problemen sei, berichtet der bildungspolitische Sprecher.

Die Ankündigungen der Senatorin, die Gelder für freie Träger von queeren Präventions- und Aufklärungsangeboten an Schulen auf null zu fahren, würde die Situation sicher noch verschlimmern. „Darüber wird man auch nochmal reden müssen.“

Lehrer durfte endlich Akten einsehen

Oziel Inácio-Stech findet es gut, dass es nun eine neue Diskussion über die Beschwerde-Strukturen gibt. „Das ist sehr nötig“, sagt der 43-Jährige, der derzeit aufgrund der Vorfälle arbeitsunfähig ist. „Diese Diskussion sollte jedoch nicht davon ablenken, dass ich weiter auf eine Rehabilitierung warte.“

Der Lehrer bekam am Dienstag (1. Juli), einen Tag nach den Abgeordneten Akteneinsicht. „Die Unterlagen, die mir heute vorgelegt wurden, sind unvollständig. Es fehlen beispielsweise unterschiedlichste Mails, die ich 2023 und 2024 an die Schulleitung geschrieben hatte und wo ich um Soforthilfe und Unterstützung wegen der Übergriffe durch die Schülerschaft gebeten habe“, sagte er anschließend.

In der Akte sei unter anderem vermerkt, dass das Unterrichtsbuch, welches er zu jeder Unterrichtseinheit führen musste und wo er unterschiedliche Gewaltvorfälle dokumentiert habe, nicht in der Schule sei, sondern sich in seinen Händen befinden würde. „Das entspricht nicht der Wahrheit“, so der Lehrer, „Es ist in der Schule geblieben. Wenn es jetzt fehlt, darf die Schulleitung die Frage beantworten, was sie damit gemacht hat.“