Rechtsextremismus-Studie: 16 Prozent der Menschen im Osten vertreten rechtes Weltbild

Menschen mit einem gefestigten rechtsextremen Weltbild sind in Deutschland eine relativ kleine Minderheit. Insgesamt vertreten 16 Prozent aus Ostdeutschland ein rechtsextremes Weltbild gegenüber 6 Prozent aus Westdeutschland. (Symbolbild)
Patrick Pleul/dpaRechtsextreme Einstellungen haben in der deutschen Bevölkerung laut einer aktuellen Studie seit 2021 stark zugenommen. Aktuell hat jeder zwölfte Erwachsene ein rechtsextremes Weltbild, wie eine am Donnerstag (21. September) veröffentlichte Untersuchung von Forschern der Universität Bielefeld feststellt. Mit 8,3 Prozent ist der Anteil gegenüber dem Niveau der Vorjahre von knapp 2 bis 3 Prozent erheblich gestiegen.
Beim Blick in die Ergebnisse nach regionalen unterscheiden sich die rechtsextremistischen Einstellungen der Befragten, die überwiegend in Ost- und Westdeutschland aufgewachsen sind, statistisch signifikant und mit einer deutlichen Tendenz: In allen Fragen ist der Anteil der Zustimmung zum Rechtsextremismus bei den Menschen höher, die in Ostdeutschland sozialisiert sind. Insgesamt vertreten 16 Prozent aus Ostdeutschland ein rechtsextremes Weltbild gegenüber 6 Prozent aus Westdeutschland. Vor allem in ländlichen Regionen seien rechtsextreme Einstellungen stärker verankert, so die Autoren der Studie.
Rechtsextremismus in Ost- und Westdeutschland: Ein signifikanter Unterschied
Allerdings kann man der Studie zufolge von einer rechtsextremen Einstellung nicht automatisch darauf schließen, wo sich jemand selbst politisch verortet. „Unter jenen, die sich klar als „links“ positionieren, gibt es dabei mehr Menschen, die ein gefestigtes rechtsextremes Weltbild teilen (12 Prozent) als es in der politischen Mitte der Fall ist (7 Prozent)“, halten die Forscher um Andreas Zick fest.
Zugenommen habe auch der Anteil der Befragten, der sich rechts der Mitte verortet, heißt es in der Studie mit dem Titel „Die distanzierte Mitte“. Während sich demnach aktuell 15,5 Prozent der Bevölkerung selbst rechts der Mitte sehen, waren es bei der zurückliegenden Befragung lediglich knapp zehn Prozent.
Rechtspopulistische AfD: Wählerumfragen und Wählergewinnung
Überraschend ist das nicht, wenn man auf die Ergebnisse der Wählerumfragen der vergangenen Wochen schaut. Dort lag die rechtspopulistische AfD bundesweit bei etwa 22 Prozent. Grundsätzlich spiegeln Wahlumfragen nur ein Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung wider und sind keine Prognosen auf den Wahlausgang. Sie sind zudem immer mit Unsicherheiten behaftet.
Vor der Landtagswahl in Brandenburg 2024
Im kommenden Jahr wird in Brandenburg ein neuer Landtag gewählt und nach der aktuellen Umfrage von infratest dimap im Auftrag des rbb, liegt die AfD hier sogar auf 32 Prozent. Die SPD käme nur auf 20 Prozent, die CDU landete bei 18 Prozent, die Grünen erreichten 8 Prozent. Im Landtag wären nach diesem Stand auch die Linke mit 8 Prozent und BVB/Freie Wähler mit 6 Prozent vertreten. Die FDP liegt bei 4 Prozent und würde derzeit wie schon 2019 und 2014 an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.
Aus den Ergebnissen lasse sich ablesen, dass es der AfD offenbar gelinge, „besonders fremdenfeindliche Nichtwähler“ für sich zu gewinnen, sagte die Mitautorin Beate Küpper. Gerade bei Wählern von CDU und CSU finde sich eine vergleichsweise niedrige Zustimmung zum Rechtsextremismus. In der öffentlichen Debatte stelle man oft fest, dass deren „demokratisches Grundverständnis unterschätzt wird“, sagte die Sozialpsychologin.
Die Meinung der Bürger: Betrug durch die Regierung und steigende Gewaltbereitschaft
Die 2027 Teilnehmer einer Telefonumfrage durch das UADS Institut in Duisburg im Zeitraum vom 2. Januar bis 28. Februar dieses Jahres waren aufgefordert worden, sich zu bestimmten Aussagen zu positionieren, etwa ob sie eine Diktatur befürworten würden. Von der Gesamtstichprobe ausgehend liegt die Fehlergrenze nach Angaben der Autoren bei +/- 2,2 Prozent.
Der Aussage „Die regierenden Parteien betrügen das Volk“ stimmten bundesweit 30 Prozent der Befragten zu – fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Mehr als verdoppelt hat sich demnach der Anteil derjenigen, die politische Gewalt billigen. Laut Studie liegt er aktuell bei 13,2 Prozent. Vor zwei Jahren vertraten 5,3 Prozent der Befragten diese Auffassung.
Sorgen der Deutschen: Ausweitung des Krieges und steigende Energiepreise
Die Grundorientierung zur Demokratie generell sei zwar noch relativ hoch, habe aber auch abgenommen, sagte Zick. Während aktuell 87 Prozent der Befragten dem Grundsatz „In einer Demokratie sollte die Würde und Gleichheit aller an erster Stelle stehen“ zustimmten, seien es in der Studie zu den Jahren 2018/2019 noch 93 Prozent gewesen.
Die Autoren der Studie wollten diesmal außerdem wissen, welche Sorgen die Menschen in Deutschland im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine am meisten umtreiben. Sie fanden heraus, dass die Sorge um eine Ausweitung des Krieges mit 62 Prozent zwar relativ dominant ist, die Sorge hinsichtlich steigender Energiepreise jedoch mit 66 Prozent an erster Stelle steht. Grundsätzlich gilt dabei: Frauen bereiten die Auswirkungen des Krieges insgesamt mehr Sorgen als Männern.
Signifikante Unterschiede gibt es auch zwischen den Menschen, die im Westen und im Osten Deutschlands wohnen. So befürchten den Angaben zufolge rund 45 Prozent der Menschen im Westen, als Konsequenz aus diesem Krieg ihren eigenen Lebensstandard dauerhaft nicht halten zu können. Im Osten treibt diese Sorge etwa 61 Prozent der Menschen um. Eine Ausweitung des Krieges befürchten laut der Studie etwa 70 Prozent der Menschen im Osten und etwa 60 Prozent der Bevölkerung im Westen.
Gefühle der Deutschen: Einsamkeit in Ost und West
Abgefragt wurde darüber hinaus, ob sich Menschen einsam fühlen. Die Forscherinnen und Forscher stellten dabei fest, dass das Gefühl der Einsamkeit in Städten und ländlichen Gebieten ähnlich verbreitet ist. „In Ostdeutschland fühlten sich Menschen lange Zeit einsamer als im Westen, das hat sich mittlerweile nahezu angeglichen“, heißt es in der Studie. Insgesamt gaben demnach 28 Prozent der Befragten an, es fehle ihnen öfter oder häufig an Gesellschaft. 15 Prozent der Bevölkerung fühlen sich laut den Ergebnissen der Studie von anderen isoliert. Damit liege die Einsamkeit nun wieder auf ähnlichem Niveau wie vor der Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen.
Das Bündnis #unteilbar-Südbrandenburg sieht sich mit den Ergebnissen der Studie zu rechtsextremistischen Entwicklungen in seinen Erfahrungen bestätigt. Die vergangenen Monate in der Region hätten gezeigt, dass es notwendig sei, gemeinsam für Demokratie einzutreten und Alternativen zu rechten Einstellungen zu leben, teilte das Bündnis am Donnerstag mit.
Repräsentative Studie
Für die „Mitte-Studie“ der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung werden alle zwei Jahre mit einer repräsentativen Befragung vor allem rechtsextreme Einstellungen untersucht. Als zentrales Merkmal des Rechtsextremismus definieren die Autoren „eine Ideologie der Ungleichwertigkeit und Gewalt beziehungsweise die Billigung von Gewalt zur Durchsetzung der Ideologie“. Im Vergleich zu den Vorjahren werde der Vorwurf der beschnittenen Meinungsfreiheit von deutlich mehr Befragten geteilt, heißt es in der Studie. „Gleiches gilt für die völkische Forderung, unterschiedliche Völker sollten sich nicht miteinander vermischen“.


