Netzwerk Senzig Königs Wusterhausen
: Wie ein Mann für seinen Ort die Bürokratie austrickst

Das Tiergartenfest, Konzerte und sogar den neuen Radweg zwischen Senzig und Bindow hat Jürgen Müller, Vorsitzender des Netzwerks Senzig, mit umgesetzt. Wie er die Bürokratie für sich nutzt.
Von
Marlene Wetzel
Königs Wusterhausen
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Jürgen Müller ist Vorsitzender des Netzwerks Senzig, eine Plattform für verschiedenste Angebote im südöstlichen Ortsteil von Königs Wusterhausen.

Marlene Wetzel
  • Ein Mann treibt Projekte in Senzig voran – trotz knapper Stadtkasse und Bürokratie.
  • Jürgen Müller nutzt Kontakte und Verwaltung, um Vorhaben wie das Tiergartenfest umzusetzen.
  • Radweg Senzig–Bindow: Waldbrandschneise befestigt, Finanzierung über Kreisfonds und Kommunen.
  • Netzwerk Senzig bündelt Vereine seit etwa 2015, bietet Gruppen, Feste, Konzerte und Hilfe.
  • Verwaltung liefert Hinweise zu Fördermitteln, das Netzwerk stellt Anträge und korrigiert Fehler.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Die fetten Jahre sind vorbei“, hieß es schon manches Mal in der Stadtverordnetenversammlung von Königs Wusterhausen. Die Stadtkasse ist leer. Weil die Stadt kein Geld mehr hat, ist Bürgerengagement wichtiger denn je.

Doch bürokratische Auflagen können diejenigen, die Ideen für ihre Stadt oder Nachbarschaft haben, ganz schön ausbremsen. Satzungen, Anträge, Zuständigkeiten und Prüfungen: Alleine die Begriffe machen müde. Gleichzeitig herrsche das Gefühl in KW, die Stadt und die Stadtverordneten machten ihr eigenes Ding, sagt etwa Christiane Gleichmann von den Grünen.

Einer, der sich davon nicht bremsen lässt, ist Jürgen Müller, Vorsitzender vom Netzwerk Senzig. Die Liste der Dinge, die er angepackt und gemeinsam mit den Behörden und anderen Senzigern umgesetzt hat, ist lang. Statt „geht nicht“ sagt Müller: „Dann muss man sich hinsetzen und nach einer Lösung suchen.“ Wie macht er das?

Ein Fahrradweg für Senzig

„Mit dem Fahrrad von Senzig nach Bindow zu fahren war Harakiri“, sagt Müller. Trotzdem hätte an der Situation laut Radwegeplan des Kreises erst mal nichts geändert werden sollen. „Und da haben wir gesagt: Das lassen wir uns nicht gefallen.“

Durch die Organisation des Tiergartenfests, das das Netzwerk Senzig ins Leben gerufen habe, hätten sich enge Kontakte zur Landesförsterei, zum Jagdverband und zum NABU entwickelt, beginnt Müller zu erzählen. Also habe er den Oberförster gefragt: „Hättet ihr eigentlich ein Problem, wenn man auf der Waldbrandschneise den Weg festmacht, so dass man da mit dem Rad fahren kann?“ „Nö“, hätte der Oberförster gesagt und ihm sogar ein paar Beispiele gezeigt, wo das bereits gemacht worden sei.

Gemeinsam mit anderen Senzigern hätten sie dann einige Kreispolitiker für das Projekt gewonnen und ein paar Mal mit ihnen zusammen gesessen. Radwege seien aufwendig umzusetzen und würden normalerweise langfristig geplant werden. Außerdem sei eigentlich das Land für die L40, die Senzig mit Bindow verbindet, zuständig.

Dann hätte Ortsvorsteher Alexander Pohle KWs Bürgermeisterin Michaela Wiezorek und den Bürgermeister von Heidesee Björn Langner ins Boot geholt. Zur Finanzierung seien eigentlich nur Mittel aus dem Kreisstrukturfonds infrage gekommen, die er, Müller, schließlich in Absprache mit Landkreis und Stadt beantragt hätte. Die restlichen fehlenden Gelder hätten die beiden Kommunen übernommen.

Schließlich sei der Weg plan und eine wassergebundene Decke darauf gemacht worden. So sei zwar kein Radweg „mit Unterbau und Seiten und Beleuchtung“ entstanden, aber ein Weg, auf dem man sicherer von Senzig nach Bindow Rad fahren kann. „Und das ist so eine Sache, wo die Kommune und wir als Zivilgesellschaft zusammenarbeiten“, resümiert Müller.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt als Ressource nutzen

Am Anfang sei es schwieriger gewesen, aber inzwischen habe sich zwischen dem Netzwerk und dem Rathaus ein sehr enges Zusammenwirken entwickelt, erzählt Müller weiter. Einerseits wisse die Verwaltung, das Netzwerk sei ein seriöser Partner. Andererseits wisse er, dass die Stadt selbst weder Geld noch Personal, aber viele Potenziale habe: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Beispiel. „Die haben Ideen, die haben Erfahrung und die haben Kontakte.“ Man müsse verstehen, dass die Stadt ihre Potenziale nicht immer nutzen, dafür aber die Zivilgesellschaft selbst einen Beitrag leisten könne, damit etwas Sinnvolles passiere.

Jürgen Müller auf der Mitfahrbank vor den Räumlichkeiten des Netzwerks Senzig. Eine Idee, um die Mobilität in den Ortsteilen von Königs Wusterhausen zu erhöhen und Lücken im öffentlichen Personennahverkehr zu schließen.

Jürgen Müller auf der Mitfahrbank vor den Räumlichkeiten des Netzwerks Senzig. Eine Idee, um die Mobilität in den Ortsteilen von Königs Wusterhausen zu erhöhen und Lücken im öffentlichen Personennahverkehr zu schließen.

Marlene Wetzel

Mittlerweile würden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt sich sogar bei ihm melden und Bescheid geben, wenn irgendwo Fördermittel ausgeschrieben seien. Sie würden dem Netzwerk obendrein Formulierungen für Förderanträge vorschlagen und das Ordnungsamt rufe sogar an, wenn sich in einem Antrag etwa für die Pflanzenbörse ein Fehler eingeschlichen hätte. Aber einen Schritt zurück: Was ist das Netzwerk Senzig überhaupt?

„Es hat gedauert, bis wir die richtige Form gefunden hatten“

Das Netzwerk Senzig sei eine Plattform, die ungefähr 2015 aus verschiedenen Vereinen entstanden sei, um die Kräfte und Potenziale im Ortsteil zu bündeln und Dinge zu veranstalten, erklärt der Vorsitzende Müller. Vorher hätte es verschiedene Vereine und Akteure in Senzig gegeben: Sportvereine, Feuerwehrverein, Volkssolidarität, die Kirche. Aber jeder mit seinem eigenen Interesse. „Ich habe das mehr aus der Sicht des Ortes gesehen. Viele Leute wollten etwas machen, aber das Angebot, die Vielfalt war nicht da.“ Gleichzeitig habe die damalige Ortsbeirätin verhindern wollen, dass Senzig eine „Schlafstadt“ werde.

„Der Knackpunkt ist: Man muss reden. Man muss ins Gespräch kommen.“
Jürgen Müller
Vorsitzender des Netzwerks Senzig

Wenn die Leute nach 18 Uhr von der Arbeit nach Hause kämen und noch etwas unternehmen wollten, auch in Gemeinschaft, würden sie nicht noch einmal irgendwohin fahren wollen, so die Idee. Es wäre schön, wenn es in Senzig etwas gebe, gerade für ältere Leute, die nicht mehr so mobil seien. „Was brauchen wir hier?“ hätten er und seine Mitstreiter von den Nachbarn wissen wollen und eine Umfrage gestartet.

Inzwischen hätten sich ganz verschiedene Arbeits- und Interessensgruppen gebildet: etwa die AG Kommunales, AG Nachbarschaftshilfe, AG Umwelt. Oder auch ein „Runder Tisch Demenz“ für Betroffene und Betreuende und ein Elterncafé. Daneben Veranstaltungen wie das Seebrücken-Singen, das Tiergartenfest, der lebendigen Adventskalender, „Senzig Open“ oder Konzerte mit namhaften Künstlern und Künstlerinnen wie Karat, Münchner Freiheit, City oder Kerstin Ott. Die Konzerte habe etwa ein Nachbar mit einer Bühnenbau- und Eventtechnik-Firma möglich gemacht, den er, Müller angesprochen habe.

Bis sie die richtige Form für das Netzwerk gefunden hätten, hätte es gedauert. Schließlich hätten sie einen Förderverein gegründet, der gewissermaßen als organisatorisches Dach dient. Das ist insofern praktisch, als die Angebote des Netzwerks sehr bunt sind, die einzelnen Akteure aber nicht selbst jeweils einen neuen Verein gründen oder eine eigene Förderstruktur aufbauen müssen.

Gelder generiere das Netzwerk über Mitgliedsbeiträge, Fördermittel der Stadt, aus dem Ortsbudget, Spenden und Sponsoren, verrät Müller. Der Skat-Klub, der Rommy-Klub oder der Literaturkreis: Alle Gruppen, die sich in den Räumlichkeiten des Netzwerks, einer alten Sparkasse im Ortskern, treffen, würden regelmäßig spenden.

Warum macht er das alles? Aus sozialer Verantwortung. Damit hinterher alle sagen würden: „Oh, schön.“ Aus Selbstbestätigung und aus Freude – auch wenn der Umfang manchmal grenzwertig sei. Und weil es ihm Spaß bringe, Dinge selbst zu machen. Der größte Gewinn aber sei, interessante Leute kennenzulernen. Leute, die ihn inspirieren, mit denen er gerne etwas auf die Beine stellt.

Die Anzahl derselben Gesichter wird immer größer

Würde ein ähnliches Netzwerk auch in anderen Ortsteilen von KW funktionieren? Das müsse jeder für sich selbst sehen, denkt Müller. Leute, die sich einbringen wollen, gebe es überall. „Der Knackpunkt ist: Man muss reden. Man muss ins Gespräch kommen.“

Er starte oft Aufrufe auch über das Magazin des Netzwerks, wenn etwas benötigt werde. Oft melde sich da keiner – und „dann musst du wandern gehen.“ Weil die Hemmschwelle der Leute oft hoch sei, müsse er sie manchmal dreimal fragen, bis sie mitmachten. Und niedrigschwellige Angebote schaffen, bis sie sagen: „Na ja, ich komm mal.“

„Du siehst immer wieder dieselben Gesichter, aber die Zahl derselben Gesichter wird immer größer.“ Das generelle Problem, dass Leute keine Dauerverantwortung übernehmen wollen, bliebe dennoch. Deshalb sei eine zentrale Person wie er, die alle Fäden in der Hand halte, seiner Meinung nach, wichtig.

Und man könne nicht alle erreichen. Manchmal würden ihm Leute vorwerfen, gar nichts von einer Aktion mitbekommen zu haben. Dann denke er sich: „Wie hätten sie es denn gerne? Sollen wir wöchentlich vorbeikommen und ihnen erzählen, was alles los ist?“

Dass Dinge wie der Radweg trotz guter Zusammenarbeit dauern, habe seine Berechtigung, antwortet Müller am Ende auf die Frage, ob Bürokratie abgebaut werden solle. Trotzdem müsse man eine Lösung finden, um schneller zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen. Denn zu lange Prozesse würden die Akteure demotivieren und den Meckerern Auftrieb geben.