Union Berlin Transfer
: Gegen die Zweifel – Sportchef Heldt schwärmt von Neuzugang Ilic

Andrej Ilic kommt mit einem Handicap als neuer Angreifer zu Union Berlin. Sportchef Horst Heldt räumt mögliche Zweifel gleich aus und schwärmt vom „Keilstürmer“.
Von
Jan Lehmann
Berlin
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1.BL 1. FC Union - FC St. Pauli 2024/25: Fussball, Herren, Saison 2024/2025, 1. Bundesliga (2. Spieltag), 1. FC Union Berlin - FC St. Pauli, v. l. Andrej Ilic (1. FC Union Berlin) auf der Tribüne, 30.08.2024, Foto: Sebastian Räppold / Matthias Koch

Andrej Ilic (links) sah am Freitagabend den Heimsieg des 1. FC Union Berlin gegen den FC St. Pauli im Stadion an der Alten Försterei. Der 1,89 Meter große Angreifer soll den Eisernen noch mehr Wucht in der Offensive verleihen.

Sebastian Räppold/Matthias Koch

Die Fans des 1. FC Union Berlin betitelten Andrej Ilic (24) am Freitagabend im Stadion an der Alten Försterei in guter alter Tradition schon als „Fußball-Gott“. Dabei hatte der neue Angreifer am letzten Tag der Transfer-Periode seine Treffsicherheit vorerst nur beim Finden der Unterschriftszeile unter dem Vertrag bei den Eisernen unter Beweis gestellt. Der Serbe winkte schüchtern in die Runde und nahm dann wieder auf der Haupttribüne in Berlin-Köpenick Platz.

Für einen Einsatz direkt zum Bundesliga-Heimauftakt gegen den FC St. Pauli (1:0) kam seine Verpflichtung natürlich zu spät. Ohnehin steht die Frage im Raum: Wie schnell kann er den Köpenickern helfen? Angesichts einer Verletzungshistorie, die bei Ilic seit Februar nur zwei Kurzeinsätze für den französischen Champions-League-Teilnehmer OSC Lille zuließ, darf man nicht davon ausgehen, dass er sofort einschlägt. Spielpraxis bringt der Serbe zumindest nicht mit in die Wuhlheide.

Gute Torquote in Lettland und Norwegen

Ein Wadenbeinbruch hatte den ehemaligen serbischen Junioren-Nationalspieler außer Gefecht gesetzt. Seine bemerkenswerten Torquoten stammen daher nicht aus Frankreich, sondern von vorherigen Stationen aus kleineren Ligen. Bei Partizan Belgrad in Serbien ausgebildet, musste Ilic den Umweg über die Ligen in Lettland (42 Tore und 17 Vorlagen in 87 Spielen) und Norwegen (elf Tore in 16 Spielen) nehmen, um den Sprung in die französische Liga und nun in die Bundesliga zu schaffen.

Deshalb gibt es unter den Union-Fans durchaus Zweifel, ob das Leihgeschäft mit Lille für die Eisernen tatsächlich die beste Lösung im Sturm in diesem Transfersommer war. Nicht unberechtigt, angesichts des Handicaps, das der 24-Jährige aus dem letzten halben Jahr mitbringt. Union-Geschäftsführer Horst Heldt räumte diese Zweifel nach dem glücklichen Heimsieg sofort aus: „Er kommt aus einer Verletzung, die aber längst ausgeheilt ist“, erklärte Heldt und schwärmte regelrecht: „Das ist eine Chance für ihn, aber auch für uns. Spieler mit dieser Qualität, die kriegt man normalerweise nicht.“

Hollerbach trifft gegen den FC St. Pauli zum Sieg

Die größte Qualität ist dabei offenbar die Wucht, die sich die Eisernen vom neuen Angreifer erhoffen. Heldt erklärte: „Auf jeden Fall ist er groß, ein Keilstürmer – und das haben wir gesucht“, berichtete Heldt und schilderte, wie er neben dem 1,89 Meter großen Angreifer gestanden habe und nicht mehr zu sehen gewesen sei. Da Unions Sportchef als ehemaliger Bundesliga-Spieler mit 1,69 Metern nicht unbedingt Stürmer-Gardemaße hat, muss Ilic sich nun eher mit anderen Offensivakteuren messen.

Vor allem mit Jordan Siebatcheu, der bei den Unionern am Freitagabend gegen St. Pauli im Doppelsturm mit Benedict Hollerbach aufgelaufen war. Der US-Amerikaner ließ dabei aber über weite Strecken jene Wucht vermissen, die Trainer Bo Svensson dem Berliner Offensivspiel verleihen möchte. Gegen Aufsteiger St. Pauli reichte es von daher, in der Abwehr gut zu stehen und bei einer Standardsituation den Siegtreffer zu erzwingen. Benedict Hollerbach traf nach einem abgewehrten Eckball aus der zweiten Reihe (34.).

Andrej Ilic – riskante Lösung oder Transfercoup

Dass die Unioner nun mit Ilic auf eine durchaus riskante Lösung setzen, lässt zwei verschiedene Interpretationen zu. Entweder hatten die Köpenicker schlichtweg keine besseren Möglichkeiten und wollten die vom 1. FC Kaiserslautern geforderten sechs Millionen Euro für Angreifer Ragnar Ache nicht ausgeben. Oder aber ist den Köpenickern nach der Installation von Horst Heldt als neuen Kader-Verantwortlichen damit der erste echte Transfercoup unter dessen Verantwortung gelungen. Einen Spieler, den kaum jemand auf der Rechnung hat, zu verpflichten und zu entwickeln, das hat in den vergangenen Jahren in Berlin-Köpenick schließlich einige Male funktioniert.

Ilic hat nun Zeit, sich während der Länderspiel-Pause in Berlin zu akklimatisieren. Am 14. September steht das nächste Pflichtspiel in der Bundesliga an. Dann treffen die Unioner nach Greifswald, Mainz und St. Pauli bei RB Leipzig zum ersten Mal in dieser Saison auf einen Gegner mit deutlich höherer Qualität.

Siegtorschütze Hollerbach sieht für sich und seinen Kollegen angesichts des eher überschaubaren Auftritts gegen St. Pauli bis dahin noch ziemlich viel Verbesserungsbedarf in der Offensive. Er zählte auf: „Mehr Offensive, mehr Chancen kreieren, mehr Mut mit dem Ball, weniger Verluste, effektiveres Pressing. Also, die Liste ist lang, und deswegen müssen wir auch hart an uns arbeiten“, so der 23-Jährige.

1. FC Union Berlin – Spielplan für die Bundesliga-Saison 2024/25